9. Aussiedlung und Integration

Hans-Holger Rampelt

Gründe für der Aussiedlung sieht Ernst Wagner in der zunehmenden "Überfremdung der Städte und Dörfer, besonders durch Zuwanderer aus der Moldau und aus der kleinen Walachei, verbunden mit einer Verfälschung der Geschichte der eigenen Heimat durch offizielle Stellen", was dazu führte, dass man sich in der eigenen Heimat zunehmend als Fremder fühlte. Somit fühlte man sich in der alten Heimat an den Rand gedrängt und wünschte sich, als Deutscher unter Deutschen zu leben.

Das Bundesministerium des Inneren veröffentlichte folgende Statistik, die von der "Siebenbürgischen Zeitung" am 15. November 1994 übernommen wurde: Zwischen den Jahren 1950 und 1993 siedelten sich 407.611 Deutsche aus Siebenbürgen in der BRD an. Erkennbar ist die verstärkte Zunahme der Ausreisewilligen unter den letzten Regierungen in Rumänien, insbesondere in der Zeit, als sich der Druck auf alles Deutsche verstärkte und das Vertrauen in die Führung schwand. "

Von 1950 - 1965 wanderten 15.410 Siebenbürger Sachsen aus; " Von 1966 - 1981 suchten 103.553 Sachsen in Deutschland eine neue Heimat; " Von 1982 - 1993 verließen 288.648 Deutsche Siebenbürgen Richtung BRD.

Voller Zuversicht kamen wir in der neuen Heimat an und erhofften uns günstige Voraussetzungen für eine rasche Anpassung an die neuen Lebensumstände. Doch hier wurden wir nicht immer mit offenen Armen empfangen, sondern oft als Zugehörige eines anderen Volkes bezeichnet. In der "ZEIT" vom 4. November 1988 schreibt Roland Phleps: "Was ist ein Volk? Von außen her, aus der Sicht des Siebenbürger Sachsen, ist die Frage leichter zu beantworten als aus der Sicht des Binnendeutschen. Ein Volk ist, frei von nazistischer Terminologie, eine Gemeinschaft von Menschen gleicher Sprache, gleicher Geschichte und gleicher Kultur, die sich ihrer Eigenart bewußt ist, diese Eigenart bewahrt, lebt und verteidigt und deren Glieder sogar bereit sind, das Wohl der Gemeinschaft über das Eigenwohl zu stellen." Jeder Neuankömmling war anfangs nicht nur auf die Unterstützung von Verwandten und Freunden angewiesen, sondern auch auf fachmännische Hilfe von der Landsmannschaft, die darin Erfahrungswerte hatte.

Die Integration unserer Landsleute im Rhein-Neckar-Raum geht auf die Gründungszeit der Kreisgruppe zurück. Es war G. A. Schwab, der während der zahlreichen Veranstaltungen unseren Landsleuten, die gerade die Schrecken des Krieges, der Flucht und der Vertreibung und vor allem den Verlust der alten Heimat zu verkraften hatten, ein Gefühl der Geborgenheit und Augenblicke der Erinnerung vermittelte, um ihre Aussiedlung erträglicher zu machen. Seinem Schwur, "solange ich lebe, werde ich meinem sächsischen Volk dienen und allen Tadel und Makel von ihm abwenden", blieb er Zeit seines Lebens treu. Er war ständig bemüht, seine Zeit und seine Kraft für die siebenbürgische Gemeinschaft einzusetzen. Sinn und Inhalt waren für ihn und seine Familie die siebenbürgische Gemeinschaft zu erhalten und weiterzuführen.

Neue Mitglieder der Kreisgruppe erhielten einen Gummibaum, es wurde ihnen bei Wohnungs- und Arbeitssuche geholfen; die älteren Mitglieder und Kinder erhielten Geschenke. Die Kreisgruppe Mannheim-Ludwigshafen-Heidelberg nahm durch ihre Aktivitäten und ihre Veranstaltungen eine besondere, ja grenzüberschreitende Stellung in dieser Region ein. Die bedeutendste und weithin bekannte, jährlich wiederkehrende und erfolgreiche Veranstaltung waren ohne Zweifel die Sommer- und Waldfeste. Die Waldfeste in Mannheim und Weinheim wurden von einigen hundert Landsleuten aus der Pfalz, Südhessen, aus Baden und sogar aus Bayern besucht. Von den Festen unserer Landsleute fühlten sich weitere Gruppen von Vertriebenen aus Osteuropa sowie Einheimische angezogen. Sie alle waren gern gesehene Gäste. So gelten diese Veranstaltungen als ein wichtiger Beitrag zur Integration und zum gegenseitigen Kennenlernen. Die Bedeutung der Waldfeste als Instrument unseres Wahrgenommenwerdens in der deutschen Öffentlichkeit und der entgegengebrachten Achtung in der neuen Heimat, wurde auch von den Politikern und der Presse der Region durch regelmäßige Beiträge in allen großen lokalen Zeitungen gewürdigt.

Seit der Gründung der Kreisgruppe haben die Vorstandsmitglieder stets Neuankömmlinge betreut. Anfangs halfen sie bei der Suche nach Angehörigen über die Suchdienste, dann bei Familienzusammenführungen sowie bei der Erteilung von Zuzugsgenehmigungen. Außerdem waren sie bei Wohnungs- und Arbeitsbeschaffung behilflich.

Im Bereich der Kreisgruppe gab es anfangs vier, später sieben Übergangswohnheime, die regelmäßig von den Betreuern der Kreisgruppe besucht wurden. Als die Zahl der Neuankömmlinge stetig stieg, wurde 1984 das Referat Aussiedlerbetreuung gegründet, wodurch die Betreuung intensiver betrieben werden konnte. Seither gibt es in jeder Wahlperiode jeweils zwei gewählte Aussiedlerbetreuer. Darüber hinaus sind alle Vorstandsmitglieder für die Beratung und Betreuung von Neuankömmlingen zuständig. Um eine erfolgreiche Betreuung zu gewährleisten, besuchten die Aussiedlerbetreuer die Neuankömmlinge in den zahlreichen Übergangswohnheimen der Region, führten mit ihnen eingehende Gespräche und gewährten ihnen Hilfe beim Ausfüllen von verschiedenen Anträgen. Wenn nötig, wurden sie auf ihren Behördenbesuchen begleitet. Weitere Hilfen bestanden im Übersetzen von Dokumenten, Beratung beim Lastenausgleich und eventuell beim Ausfüllen des Rentenantrags, Informationen zu Schule und beruflicher Integration sowie zu Weiter- und Fortbildung.

Die ehrenamtlichen Aussiedlerbetreuer der letzten 20 Jahre waren Renate Petrovski, Johann Fallschessel, Pfarrer Michael Batzoni und Hans-Holger Rampelt. Im Laufe der 50 Jahre seit Bestehen der Kreisgruppe haben die Verantwortlichen herausragende Veranstaltungen organisiert, um das Wesen und die Kultur der Siebenbürger Sachsen der einheimischen Bevölkerung näher zu bringen, um aufkommende Vorurteile zu verhindern und um offene, nicht gestellte Fragen zu beantworten.

Die Übernahme der Schirmherrschaft von Seiten des Oberbürgermeisters der Quadratestadt, Herrn Gerhard Widder, über die "Siebenbürgischen Kulturtage" im Mannheimer Kongress-Centrum Rosengarten, zeigt die Wertschätzung, derer sich die Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen in Mannheim erfreut. Darüber hinaus ermöglichte es Herr Gerhard Widder, dass seit 1994 eine Mannheimer Straße die Bezeichnung "Siebenbürger Straße" trägt.

Weitere wichtige kulturelle Ereignisse waren die "Tage der Begegnung" veranstaltet mit der Gemeinde der Friedenskirche in Mannheim sowie die vielen Ausstellungen und Vorträge über unsere Kultur in Heidelberg, Schwetzingen, Plankstadt, Reilingen und Mannheim.

Eine wichtige Integrationsarbeit haben vor allem auch die siebenbürgisch-sächsischen Pfarrer der Kreisgruppe - Hermann Schuller, Michael Batzoni, Hans Ehrlich, Otto Reich - geleistet. Seit den Anfängen der Kreisgruppe haben sie die Räumlichkeiten ihrer Gemeinden für traditionelle Feiern und Zusammenkünfte zur Verfügung gestellt, und ihre Andachten haben den Muttertags-, Erntedank- und Weihnachtsfeiern eine besonders festliche Note verliehen. Sie waren auch diejenigen, die unsere Landsleute in allen schwierigen Situationen des Lebens begleiteten.

Auch für das Kennenlernen der neuen Umgebung wurde viel getan: während die Advents- und Muttertagsfahrten die näheren Gebiete als Ziel hatten, führten weitere Fahrten und Ausflüge zu entfernteren Zielen nach Luxemburg, Paris, an den Gardasee, nach Südtirol, Vorarlberg und Kärnten oder zum Heimattreffen der Landsleute nach Österreich.

In den letzten 20 Jahren ermöglichte die gute Zusammenarbeit mit der Evangelischen Kirche in Baden sowie mit dem Hilfskomitee der Siebenbürger Sachsen die Teilnahme einiger Landsleute an Rüstzeiten im Schwarzwald, Bayern oder Bonn-Bad Godesberg. In den Rüstzeiten erhielten die Neuankömmlinge nützliche Informationen über das deutsche Schulsystem, Anerkennung der Schulabschlüsse und Berufe, über Kontoführung bei den verschiedenen Banken sowie Informationen über Wirtschaft und Politik.

Die weitaus überwiegende Mehrzahl unserer Landsleute lebt heute außerhalb Siebenbürgens. Die alte Heimat haben wir verlassen, um unsere deutsche und siebenbürgisch-sächsische Identität zu bewahren. Uns stellt sich die Frage, ob wir uns auch in Zukunft zu dieser Identität bekennen wollen. Dafür spricht unsere Zugehörigkeit zum deutschen Volk. Zudem hat unsere Volksgruppe in den 850 Jahren ihres Bestehens ein eigenes Selbstverständnis sowie ein eigenes Brauchtum entwickelt. Wir bringen Lebensansichten und Verhaltensweisen mit, die es wert sind, auch weiterhin erhalten zu werden.

Unsere geschichtliche Erfahrung hat uns Toleranz gelehrt; die uns befähigt, mit anderen Völkerschaften friedlich und gedeihlich zusammenzuleben. In einem demokratischen Staatsgefüge ist es uns möglich, eigenes Denken und Handeln in eine größere Gemeinschaft sinnvoll einzubringen. Es liegt an uns, all diese Inhalte bewusst zu machen und zu pflegen. Es liegt an uns, dies alles an die nächste Generation weiterzugeben, unseren Kindern und Enkeln Geschichts- und Selbstbewusstsein zu überliefern und dieses auch anderen zugänglich zu machen. "Es hängt einzig und allein von uns selbst ab, ob wir uns aus der Geschichte für immer hinausdrängen lassen oder selbst aus ihr hinausschleichen. Täten wir das, so gäben wir jenes Stück deutscher und europäischer Kultur preis, für das wir verantwortlich sind", schreibt Dr. Wolfgang Bonfert 1989 in seinem "Leitfaden für Siebenbürger Sachsen". Die Integration steht dem nicht entgegen, sondern sie stellt eine Herausforderung dar, uns zu bewähren.

Ziele und Perspektiven: Mit Blick auf die Zukunft unserer Kreisgruppe haben wir die Pflicht, unser geistig-kulturelles Erbe zu hegen und zu mehren. Dies setzt den Prozess einer Bewusstmachung der spezifisch sächsischen Eingenart voraus. Heute gehören der Landsmannschaft bundesweit 25.205 Familien als Mitglieder an; ihnen, aber auch allen anderen Siebenbürger Sachsen, kommen die Bemühungen der Landsmannschaft zur Integration in der Bundesrepublik Deutschland zugute, ebenso jene zur Erhaltung, Bewahrung und Weiterentwicklung siebenbürgisch-sächsischer Gemeinschaft und Kultur.

Die Landsmannschaft wird durch neue Aufgaben gefordert und stellt sich ihnen im Dienste der Gemeinschaft. So setzt sie sich ein gegen Fremdrentenkürzungen, gegen immer höhere Hürden, die ausreisewillige Landsleute aus Siebenbürgen zu überwinden haben, sowie gegen die Umzugspläne der Regierung für das "Siebenbürgische Museum", womit unser Kulturzentrum Gundelsheim nicht nur räumlich getrennt, sondern auf lange Sicht jede einzelne Komponente weniger überlebensfähig wäre. Zudem muss die Werbung neuer Mitglieder intensiviert werden. Dies ist in der jetzigen Zeit wichtiger denn je, da die Globalisierung in Deutschland wahrscheinlich auch mit Sparmaßnahmen im Bereich der Vertriebenen- und Aussiedlerförderung verbunden sein wird.

Die Landsmannschaft muss sich bewusst sein, dass der Zustrom der Landsleute aus Siebenbürgen versiegen wird. Daher muss sie aktiver werden, um alle Generationen direkt anzusprechen. Um ihre Ziele zu verwirklichen, muss sie auch die junge Generation durch spezifische Programme ansprechen, gemäß dem Ausspruch von Carl Friedrich von Weizsäcker: "Zeitgemäß sein, ohne mit der Tradition zu brechen".

Die Landsmannschaft kann sich am Beispiel unserer Landsleute in Übersee orientieren, aber auch an anderen Vertriebenenverbänden in Deutschland oder Vereinen, die ebenfalls seit Jahren keinen Zuzug mehr erhalten, und trotzdem zur Erhaltung, Bewahrung und Weiterentwicklung ihrer Gemeinschaft und Kultur beitragen.

 


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