1. Wehrhafte Toleranz und Kraft der Bewahrung. Festrede zur Eröffnung der Siebenbürgischen Kulturtage am 7. März 1987 im Rittersaal des Mannheimer Schlosses

Hans Bergel

Die Aufgabe, Sie in sehr knapp bemessener Zeit mit einigen Wesensmerkmalen deutscher Kultur in Europas Südosten bekannt zu machen, zwingt mich zum Wagnis des Schlagworts und der groben Skizzierung. Dass ich Ihnen dabei nicht bundesdeutschen Kulturexport vorzustellen habe wie ihn etwa eine Einrichtung in der Art des Goethe Instituts betreibt , sondern Sie an den vor Ort historisch entstandenen Kulturkreis einer winzigen deutschen Exklave heranführen darf der ältesten auslanddeutschen übrigens auf der Erde, gibt meiner Themenstellung den besonderen Reiz.

Um also von vornherein jeden Zweifel auszuschalten: ich habe hier über die seit dem 12. Jh. im Hochland nördlich der Südkarpaten lebenden Deutschen zu sprechen, die größtenteils Westfranken einst als hospites, als Gäste, auf Bitte und Einladung der ungarischen Arpadenkönige, vielleicht von Köln ostwärts, von Magdeburg südostwärts, wahrscheinlich auf der einige Jahrhunderte vorher von den Vandalen benutzten Route in die terra incognita des Karpatenbogens getreckt waren und dort das erste Freitum der Deutschen gegründet hatten.

Diese aus dem Reich der ersten Stauffer nach dem Südosten ausgesiedelten Menschen begriffen sehr bald, dass sie, auf sich allein gestellt, unter den Umständen ihrer neuen Existenzverhältnisse lediglich dann eine kollektive historische Überlebenschance hätten, wenn sie sich selber als eine unlösliche Einheit verstehen und sich den Völkern ihrer Umgebung als Einheit verständlich machen würden. So kam es denn, dass sich auf ihrem Siedlungsboden, einer ungefähr 30.000 qkm großen Landfläche - das ist etwas mehr als Sizilien - jene beiden sozialen Stände oder Schichten niemals herausbildeten, deren Unvereinbarkeit Jahrhunderte hindurch die Staaten Europas belastete: der Adel und die Leibeigenschaft.

Ein vorzüglich durchdachtes System gegenseitiger nachbarschaftlicher Hilfe sorgte schon beginnend mit dem 12. Jh. dafür, dass einerseits der soziale Absturz des einzelnen von allen aufgefangen wurde, andererseits versetzte sie die republikanische Verfassung, die sie sich 1224 nur neun Jahre nach der Magna Charta Libertatum der Engländer vom ungarischen König verbriefen ließen, in die glückliche Lage, alle Bestrebungen einzelner unterbinden zu können, sich über die anderen in den erblichen Adelsstand zu erheben. Sie sicherten sich auf diese Weise eine monolithische soziale Geschlossenheit, die eine der wesentlichen Erklärungen für das Mirakel ihres fast tausendjährigen geschichtlichen Bestehens inmitten ungleich größerer Völker und Völkerschaften ist.

Der Grundsatz "Unus sit populus", "eins sei das Volk", den sie als verfassungsverbindlich aussprachen, galt in allen ihren fast dreihundert Dörfern, Gemeinden, Marktflecken und Städten, die sie in bemerkenswert kurzer Zeit nach ihrer Ansiedlung in dem menschenleeren, ebenso schönen wie unberührten Hochland schon im 12. und 13. Jh. errichtet hatten. Dieser republikanische Grundzug der selbstauferlegten Gemeinschaftsordnung wurde im Laufe der Jahrhunderte zum vorrangigen Merkmal ihres individuellen wie kollektiven Verhaltens in allen Fragen. Er steht damit auch am Beginn ihres kulturellen Selbstverständnisses. Und in diesem Sinne, darf man hier sagen, entwickelten sie sich nach entschieden anderen Orientierungsmerkmalen, als die Entwicklung in dem Lande verlief, aus dem sie ausgewandert waren: im Deutschen Reich. Zur Veranschaulichung hierfür lediglich zwei Beispiele:

1.) Während es auf dem sog. "Königsboden" der siebenbürgischen Deutschen vom 12. Jh. an niemals die Leibeigenschaft gab, bestand diese in Deutschland bis zur Mitte des 19. Jh., als sie rechtlich endgültig aufgehoben wurde.

2.) Als zu Beginn des 16. Jh. auch in Siebenbürgen die Reformation zur Diskussion stand, befanden die entscheidenden politischen, geistlichen wie geistigen Führer, dass der konfessionelle Wechsel nur dann in Frage käme, wenn er als ein Akt der Volkseinheit vollziehbar sei. Und so traten die siebenbürgischen Deutschen mit geringfügigen Ausnahmen geschlossen zum lutherischen Protestantismus über. Dieser Vorgang, fast bestürzend beredt im Vergleich zu Kriegen und innerer Spaltung in Deutschlands gesamter Geschichte, war nicht allein von konfessioneller Erheblichkeit, sondern er wurde zugleich zur politisch durchdachten Tat, die die Zukunft im Auge hatte.

Zur nationalen oder ethnischen Abgrenzung und auch Besonderheit nämlich der in Siebenbürgen eng beieinander lebenden Völker gehört - als sei es ein Gesetz dieses Raumes - zugleich auch deren konfessionelle Unterschiedlichkeit. Durch den geschlossenen Übertritt dieser Deutschen zum Protestantismus erhielten auch sie als ein eigenständiger Volkskörper zusätzlich die konfessionelle Verdeutlichung: d.h. neben den römisch katholischen Szeklern in Ost , den calvinistisch reformierten Ungarn in Nordwestsiebenbürgen und den griechisch orthodoxen Rumänen stand fortan die sich lutherisch verstehende deutsche Bevölkerungsgruppe. Für deren historischen Bestand wurde damit die Reformation ein Akt von außerordentlicher politischer Tragweite, da sie die Profilierung der ethnischen Eigenständigkeit unterstrich.

Zu den kulturellen Wesensmerkmalen dieser südosteuropäischen Deutschen gehört also die siebenbürgen-spezifische Vorstellung von der Gleichzeitigkeit, ja fast Identität von Volks und Konfessionszugehörigkeit. Es ist nicht auszudenken, wie das historische Schicksal der kleinen deutschen Exklave andernfalls verlaufen wäre. Denn natürlich genügt es nicht, die Tatsache der sozialen Unaufspaltbarkeit ihres republikanischen Gemeinwesens als die einzige Erklärung für den Bestand der im historischen Durchschnitt wenig mehr als 200.000 Menschen zählenden Sprachinsel anzuführen. Im Laufe der Jahrhunderte immer bedrängender von den ungleich größeren Völkern, den Ungarn, den Szeklern und Rumänen, umgeben die nach Millionen zählten , war für diese Deutschen unter dem Gesichtspunkt des Überlebenswillens auch die größtmögliche Abschottung nach außen, ja fast die Einigelung unumgänglich.

Nun hat es mit diesen nationalen Abgrenzungserscheinungen in Siebenbürgen seine eigene, einem Mitteleuropäer nur schwer verständliche Bewandtnis. Ich will versuchen, sie zu erläutern. Zu einem Zeitpunkt, da sich in Deutschland trotz etwa des Augsburger Interims und des Augsburger Religionsfriedens in der zweiten Hälfte des 16. Jh. im Gefolge der Reformation immer bedrohlichere Klüfte zwischen den streitenden Konfessionslagern auftaten, schon rund ein halbes Jahrhundert vor Ausbruch des Dreißigjährigen Kriegs also, vereinbarten in Siebenbürgen alle konfessionellen, und das heißt alle nationalen Lager unter dem Drängen der dortigen Deutschen die verbindliche gegenseitige religiöse Respektierung und Tolerierung. So kam es, dass in Siebenbürgen, im Unterschied zu vielen europäischen Staaten, aus Glaubensgründen niemals auch nur ein Tropfen Blut floss, und niemals wurde dort aus konfessionellem Fanatismus jemandes Kopf eingeschlagen; man denke zum Vergleich an den Dreißigjährigen Krieg. Mehr noch, die kulturelle innersiebenbürgische Kommunikation blühte im 16., im 17. Jh. über alle religiösen wie nationalen Grenzen und Spannungen hinweg.

Folgendes Bild lässt sich skizzieren: Deutsche lutherische Humanisten standen in all dieser Zeit in freundschaftlichem Verkehr mit den gelehrten rumänischen griechisch orthodoxen Geistlichen Siebenbürgens. Doch die gebildeten der ungarischen, calvinistisch reformierten Adligen gehörten ebenso in diesen Kreis innersiebenbürgischer Kommunikation wie die szeklerischen römisch katholischen Kaufleute. Permanente wechselseitige Anregung also prägt das Bild der innersiebenbürgischen Kommunikation jener Epoche. Denn war für die Deutschen die geistige Welt der Rumänen fesselnd, weil sie in ihr Spezifika der Levante oder morgenländisch byzantinisch geprägter Frömmigkeitsformen kennenlernten, so bewunderten die Rumänen an den Deutschen deren klassisch abendländischen Sinn für Rechtsauffassungen und gemeinschaftliche Ordnungsgrundsätze; die Ungarn wieder wirkten in dieser siebenbürgischen Symbiose der Völkerschaften befruchtend auf den Stil des Gesellschaftslebens nicht zuletzt durch jenes Element adligen Daseinsverständnisses ein, dessen Beobachtung den Grafen Hermann Keyserling gelegentlich zur Feststellung veranlaßte: dies Volk sei das aristokratischste Europas, u.s.w.

Was hier allein über das bewegte und erregte 16., 17. Jh. gesagt wurde, ließe sich ebenso exemplarisch an vergleichbaren Vorgängen auch in anderen Epochen deutlich machen. Nun werden Sie natürlich fragen, was es angesichts solch schöner Fähigkeit zum übernationalen Zusammenwirken in dieser Landschaft mit jener "Abschottung" oder "splendid isolation" auf sich haben kann, von der ich oben sprach? Wie lässt sich denn das eine mit dem anderen verbinden, ja wie ist die Aufrechterhaltung des Gegensatzes zwischen Isolation auf der einen und Offenheit auf der anderen Seite moralisch zu rechtfertigen, wie ist sie in der Praxis durchzuführen? Wie können dicht neben, ja ineinander verzahnt lebende Völkerschaften auf die Dauer existieren, ohne zum Verzicht auf substanzielle Identitätsspezifika bereit oder gezwungen zu sein? Und ohne biologisch miteinander zu verschmelzen? Zunächst darf sich niemand vorstellen, dass dieses In und Miteinander in Siebenbürgen gleichsam ein paradiesischer, ein euphorischer, ein Idealzustand Tag für Tag gewesen wäre! Nein, Spannungen waren von eh und je da! Aber es wäre unnatürlich gewesen, hätte es sie nicht gegeben. Denn neben der geistigen Neugierde aneinander war das Verhältnis der nach Sprache wie Konfession so unterschiedlichen siebenbürgischen Völker zu gleichen Teilen vom Gedanken der Unantastbarkeit angestammter nationaler und kultureller Identität des jeweiligen Gesprächspartners bestimmt, und dies gegebenenfalls mit einer Härte in der Behauptung der eigenen Position, die den Mitteleuropäer befremdet.

Und so wurde die Einsicht, dass erst die Paarung von duldender Anerkennung und energischer Selbstbewahrung den Reichtum und die Freiheit menschlicher Aussagemöglichkeit verbürge, zum Prägestempel der siebenbürgischen Völker, gewachsen aus jahrhundertelanger Erfahrung im alltäglichen Umgang miteinander. Diese Paarung erzeugte dann eben jenes unverwechselbare Lebens- und Kulturklima, jene Verhaltensnorm einer wehrhaften Toleranz, in der die ideologisch fixierte Denk und Verhaltensweise, wie Mittel und Westeuropa sie ausbildete, keinen Platz hatte.

Die Flexibilität im Umgang miteinander war ein ungeschriebenes Gesetz, das Tag für Tag seine Berücksichtigung forderte, freilich aber nicht dazu aufforderte, die eigene Position preiszugeben. Diese wehrhafte Toleranz nun ist so will mir scheinen eines der bedeutsamsten Wesensmerkmale im Persönlichkeitsbild jener ältesten deutschen Kultur und Sprachgruppe außerhalb Deutschlands, von der ich hier zu sprechen habe. Und ohne die beiden Pole - Toleranz und Wehrhaftigkeit, Duldsamkeit und Verteidigungsbereitschaft - sowie deren Gleichgewichtung in der Synthese des Verhaltenskodex ist die fast tausendjährige geschichtliche Existenz der gewissermaßen weit draußen vor den Toren Europas lebenden Exklave weder zu verstehen noch zu erklären.

Es erscheint mir in diesem Zusammenhang nicht unerheblich, dass diese Menschen nach dem Mongoleneinfall 1241 zum Selbstschutz fast 300 z.T. uneinnehmbare Burgen, Wehrkirchen, Stadtbefestigungen bauten, dass aber trotz dieser erstaunlichen Wehrwilligkeit niemals in der Geschichte ein Akt der militärischen Aggression von ihnen ausging. Lassen Sie mich die Feststellung vertiefen: wir haben es hier nicht mit jener Handhabung des Toleranzbegriffes zu tun, die den Begriff der Toleranz durch Uferlosigkeit ins Gegenteil pervertiert und ihn so zugrunde richtet. Eben dies war in jener Vielvölkerlandschaft Siebenbürgen mit der großen Erfahrung seiner Völker im Umgang miteinander nicht der Fall. Wäre dieser Fall eingetreten, so hätte sich ja wenig oder gar nichts von der wunderbar reichen, heute neuentdeckten und gerühmten Palette an verschiedenartigen Volkskulturen in jenem Raum erhalten. Im Gegenteil: Gedanke und Grundsatz gegenseitiger Duldung hoben in jener Landschaft den Willen und Entschluss zur Verteidigung der eigenen Identität nicht auf. Vielmehr trat dieser gleichsam als einer der Bewusstseinspole in den geistigen Kosmos dieser südöstlichen Deutschen und erzog sie zu jenem Maß an innerer Wachsamkeit und Sicherheit, das ihr Gemeinwesen lebensstark machte. Dies war das Gesetz aller Völker dort und bestimmte Siebenbürgens Schicksal, ehe in der Mitte unseres Jahrhunderts außersiebenbürgische Mächte mit nicht abweisbarer Gewaltsamkeit ins innersiebenbürgische Leben eingriffen und den hier in großen Zeiträumen gewachsenen Völker und Kulturorganismus zerstörten.

Lassen Sie mich ein weiteres Wesensmerkmal dieser Exklave im Südosten darzustellen versuchen. Ich meine den Willen dieser Handvoll Menschen, die Bindung an das Mutterland wie sie Deutschland über all die Jahrhunderte hinweg nannten und bis heute nennen nicht zerreißen zu lassen, gleichsam die Nabelschnur lebendig zu erhalten, mit Hilfe derer sie sich während ihrer ganzen Geschichte über geographische, politische oder militärische Grenzen hinweg geistig aus Deutschland speisten. Wie stark in ihnen dies Gefühl der Verbundenheit war, machen z.B. schon folgende literaturgeschichtliche Hinweise deutlich. Es sieht nicht nur in den ersten Jahrhunderten nach der Ansiedlung dieser Lothringer, Flamen, Burgunder, dieser Deutschen schließlich aus dem ganzen Reich im südöstlichen Karpatenbogen so aus, als erinnerten sie sich mit Eindringlichkeit ehemaliger linksrheinischer Stammessitze. Sondern wer sich mit ihrer Volks oder Stammespersönlichkeit beschäftigt, hat sehr bald den Eindruck um in einem Bild zu sprechen , als seien Geist und Seele dieser Menschen auf dem langen Weg vom Rhein bis vor die Südkarpaten niemals ganz nachgekommen.

Denn würde sich anders wohl in ihrer Mundartdichtung eine aus dem 12. oder gar 11. Jh. stammende Ballade bis Ende des vorigen Jahrhunderts als sie aufgezeichnet wurde erhalten haben, die mit der Zeile beginnt: "Es freite ein König jenseits des Rheins", wenn die Vorstellung von den Landschaften "jenseits", d.h. also links des Rheins, woher, in der Moselgegend, im 12. Jh. die Aussiedlung nach dem Südosten begann, nicht über die Geschlechterfolgen und Jahrhunderte hinweg wie eine Sehnsucht nach der Urheimat ungebrochen in diesen Menschen wachgeblieben wäre und sie ständig beschäftigt hätte?

Und noch zu Beginn unseres Jahrhunderts sagte der deutsche Bauer Nordsiebenbürgens im Umgang mit krankem Vieh beim Handauflegen die Verszeile "Bein zu Beine" auf und die stammt aus dem 9. Jh. und gehört als Teil eines der berühmten Merseburger Zaubersprüche zu einem der ältesten deutschen Literaturerzeugnisse, es wurde auf dem Vorsatzblatt eines lateinischen Missales in Fulda gefunden. In Siebenbürgen blieb die Beschwörungsformel aber nicht lediglich als archiviertes Museumsgut, sondern im lebendigen Gebrauch über ein ganzes Jahrtausend bis ins 20. Jh. erhalten.

Und ist es nicht das gleiche mit den deutschen Volkstrachten Siebenbürgens? Zum Unterschied nämlich von den binnendeutschen heute bei Volksfesten angelegten, die auf die Barock und Rokokozeit zurückgehen, weist die ritterliche Ornamentik im siebenbürgischen Trachtenbild auf das viel ältere Hochmittelalter zurück.

Ich meine mit all diesen Anführungen den Hinweis auf die hier sichtbar werdende Kraft der Bewahrung und die Fähigkeit der Treue zu den Wurzeln, die diese im Südosten lebenden Menschen auszeichnete. Über die mehr als achthundert Jahre ihrer Geschichte hinweg erhielt sie sich lebendig, trotz der unentwegten Inanspruchnahme durch die im Hochland vor den Karpaten zu meisternde historische Situation. Als Martin Opitz im 17. Jh. Lehrer im siebenbürgischen Karlsburg wurde und die Deutschen dieser Landschaft kennenlernte, äußerte er, sie seien "germanissimos Germanos", sie seien "echte Deutsche", ungeachtet der wachen Neugierde, mit der sie sich in die morgenländisch fremde Welt des Südostens hineingefunden hätten, ungeachtet auch der konkreten Zwänge, denen sie als Teil dieses Raumes ausgesetzt seien. Der Schlesier meinte damit eben die hier von mir vermerkte Kraft der Bewahrung und Fähigkeit der Treue zu den Wurzeln. Wäre anders denn das historische Überdauern ohne Preisgabe der Identität bis heute möglich gewesen? ...

Es erscheint mir aber auch in mehrfacher Hinsicht bedenkenswert, dass die kleine Menschengruppe trotz unbeirrten Festhaltens am Herkünftigen im 18., 19. und dann im 20. Jh. die Pioniere der Naturwissenschaften und der modernen Industrie in Südosteuropa stellte, so wie schon im 16. Jh. die Pioniere der von der Renaissance und vom Humanismus entwickelten Ideen, zudem des Druck , Verlags und Schulwesens und vom 12. bis zum 14. Jh. des Straßen und Städtebaus aus ihrem Kreis hervorgegangen waren; dass sich also bei ihnen die Kraft der konservativen Wesenskomponente problemlos mit einer beachtlichen Fähigkeit zum Fortschrittlichen vereinte.

In derselben siebenbürgischen Kleinstadt, und nur wenige Jahre voneinander getrennt, in der ein bedeutender siebenbürgischer Mundartforscher, ganz konservativ der Vergangenheit zugewandt, die alten deutschen Volksmärchen dieser Landschaft aufzeichnete, machte, ganz fortschrittlich der Zukunft zugewandt, der spätere Vater der modernen Weltraumfahrt, der heute 93-jährige Hermann Oberth, seine grundlegenden Entdeckungen der wissenschaftlichen Voraussetzungen für den Flug zum Mond. So dicht beieinander liegen das Gestern und das Morgen immer, so sehr können sie, in glücklicher Synthese, eine Einheit bilden.

Bedenkenswert doch in einem Land wie dem unseren, wo so viel unnötiges und verunsicherndes Aufhebens um die angebliche Unvereinbarkeit von Tradition und Fortschritt und sogar eine Ideologie daraus gemacht wird als ob das eine dem anderen widerspräche und nicht erst die Gemeinsamkeit beider jene Einheit ergibt, aus der heraus allein das Leben möglich wird.

Aber noch ein Wort in diesem Zusammenhang: während ihrer ganzen Geschichte schickten die Deutschen Siebenbürgens ihre Söhne und später auch die Töchter zum Studium an die Universitäten nach Deutschland. Schon an der ersten deutschen Universität, der 1348 in Prag von Karl IV. ins Leben gerufenen, dann an der 1364 in Krakau, der 1365 in Wien und der 1386 in Heidelberg gegründeten, tauchten ihre Namen auf und durch die Jahrhunderte hindurch bis zur Zäsur in der Mitte des 20. Jh. studierten die geistig Fähigen Generation um Generation an deutschen Universitäten und kehrten nach Absolvierung des Studiums, bis auf wenige Ausnahmen, nach Siebenbürgen zurück.

Damit wurde nicht allein das Wissens und Bildungsgut Mittel und Westeuropas ununterbrochen in die Exklave im Südosten getragen, sondern es wurde auf diesem Weg auch den Völkern Südosteuropas das Bild des deutschen Mitteleuropa in der unmittelbarsten Anschaulichkeit vermittelt. Lassen Sie mich, bevor ich abschließe, auf das eminent Europäische in all den hier skizzierten Zusammenhängen hinweisen.

Der Wert der siebenbürgischen Völker im Lebensgefüge dieser Landschaft wurde, bewusst, unbewusst, wechselseitig immer daran gemessen, was das eine Volk den anderen Völkern dieser Landschaft an ethno spezifischem Beitrag, an unverwechselbar eigenständigem Mitbringsel für die Existenzgestaltung des gesamten Siebenbürgen vorzuzeigen und was es hierfür aufzubieten hatte. Dem Nachdenkenden war immer schon klar, dass der Organismus dieser Landschaft in der klassischen Ausprägung von einst die Einheit aller seiner Völker mit ihren unaustauschbaren individuellen Manifestationen meinte. Sie wären füreinander in dem Augenblick wertlos geworden, da sie auf die Bewahrung ihrer Ethno Spezifika verzichtet hätten. Eine solche Sicht der nationalspezifischen Werte entkleidet den Begriff des Nationalen der peinigenden Beigabe des Nationalistischen und führt ihn auf das zurück, was er sein will und sein soll: die unverwechselbare Facette in der Vielfalt menschlicher Kulturäußerung, der Schutzwall gegen die Vereinheitlichung einer uniformen "Weltkultur" des Grau in Grau.

Man halte sich bei der Betrachtung des ethnischen Symbiose Phänomens im Siebenbürgen von einst nicht an die billigen chauvinen Sichtweisen, die es natürlich auch gibt, die aber nichts weiter vermögen, als den Blick für den kulturellen Reichtum zu trüben, der sich hier darbietet: den Blick nämlich für das europäische Modell, das dies Siebenbürgen einst als reale Möglichkeit darstellte. Denn was, meine Damen und Herren, was wäre die Kultur unseres abendländischen Europa ohne die kulturelle Vielgesichtigkeit seiner Ethno und Landschaftsspezifika? Was ohne die regionale Besonderheit und Prägung der Provence, der Toskana, Kastiliens, Schottlands, Götalands? Was wäre die deutsche Kultur ohne die Vielfalt der Nuancen ihrer regionalen Kulturen zwischen der Ostsee und den Alpen, dem Rhein und der Oder?

Ein Europa, das sich in diesem Sinne nicht selber preisgeben will, das als eigenständiger, in sich ruhender Kosmos entfremdenden Einflüssen nicht widersteht, wird kein Europa mehr sein. Einen der Beiträge zu diesem Europa, eine der Farben auf der Palette europäischen Selbst und Weltverständnisses trugen - so darf ich sagen - die Deutschen Siebenbürgens mit ihren unter besonderen historischen Voraussetzungen gewachsenen und geformten Spezifika bei. Solange sie diese erhalten, werden sie sich als Europäer bekunden. Sobald sie sie aufgeben, werden sie aufhören, Europäer zu sein.

Als Vladimir Ilitsch Lenin an seinen Lieblingsschüler Bucharin in einem Brief schrieb: man sollte sich die paar Deutschen in Siebenbürgen gelegentlich näher ansehen, denn sie praktizierten eine sowohl altverwurzelte wie moderne Demokratie, von der manches gelernt werden könnte, hatte er sicherlich nicht diesen Aspekt vor Augen. Was immer aber ihn bewogen haben mag, die wenigen Zeilen hierüber zu schreiben: er schrieb sie, und sie sind damit eines der erstaunlichsten Zeugnisse unter vielen, die bemerkenswerte Europäer der deutschen Exklave im Karpatenbogen ausstellten, darunter Rumänen, Ungarn, Engländer, Franzosen o.a.

Freilich, es wurde dann eben die von Lenin begründete politische Macht und ihre totalitäre Staatsideologie, die, beginnend mit der Mitte des 20. Jh., jenem sensiblen, in Jahrhunderten gewachsenen und gereiften Organismus "Siebenbürgen" den Garaus machten. Dabei ging und geht nun auch all das zugrunde, was Deutsche - angefangen mit dem 12. Jh. - dort einst erdacht, eingeführt und schöpferisch gestaltend gelebt hatten. Teil des gesamtdeutschen Exodus aus Europas Osten, der ja ein europäischer Exodus in deutscher Sprache ist, werden die heute noch etwa 100.000 zählenden Deutschen jener Landschaft die sie einst im Lied ihre "süße Heimat" nannten den größeren geschichtlichen Ablauf, in den sie einbezogen sind, weder zu wenden noch gar aufzuhalten vermögen.

Es gibt eine seltsame Datenübereinstimmung in der Geschichte der Stadt Mannheim am Zusammenfluss des Rheins und des Neckars und meiner Heimatstadt Kronstadt im äußersten Südosten Siebenbürgens. 1689 wurde Mannheim durch französische Truppen verbrannt und zerstört, und im selben Jahr wurde Kronstadt in Siebenbürgen von österreichischen Truppen in Brand gesetzt und zerstört ...

Eine Jahreszahl hier wie dort, hinter der sich, hier wie dort, das Leben von Menschen in Leid und Freude, in Kampf und immer wieder heiß ersehntem Frieden abspielte und abspielt; so sehr verbindet uns alle gleiches geschichtliches Geschehen miteinander, gleichviel wo auf dieser Erde Menschen leben und sterben mögen.

Das historische Schicksal dieses südosteuropäischen auslanddeutschen Gemeinwesens mit einer der ältesten republikanischen Verfassungen in Europa, deren Rechtsgültigkeit erst gegen Ende des 19. Jh. aufgehoben wurde und über das ich Ihnen hier einige Informationen zu geben hatte, vollzieht sich heute vor unseren Augen. Sein Kulturwille wirkte bei der Gestaltung der Region Siebenbürgen mit. Die Zeugnisse davon werden noch lange zu sehen sein.

Hans Bergel, 1925 in Rosenau geboren, Schriftsteller, Journalist und Herausgeber, hat sich wie kaum ein anderer Deutscher aus Südosteuropa für die Wahrung der Menschenrechte hinter dem Eisernen Vorhang eingesetzt und Mißstände thematisiert. Als produktiver und streitbarer Buchautor und Publizist, aber auch als Redner und Funkautor ist es ihm gelungen, einer breiten Öffentlichkeit südosteuropäische, darunter siebenbürgische Themen nahe zu bringen.

 


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