der Mannheim Morgen schrieb am 26.09.1988 

 

Verunsicherte Brückenbauer zwischen zwei Welten
 

Kreisgruppe der Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen will bei der Integration helfen „Unter den Landsmannschaften nahm die der „Siebenbürger Sachsen in Deutschland“ von Anfang an eine Sonderstellung ein. Selbst in den Jahren der stärksten politischen Konfrontation zwischen Ost und West wurde ihr kein „Revanchismus“ vorgeworfen. Ihre politisch diffizile, aber auch, wie es schien, zukunftsweisende Aufgabe bestand einerseits aus Hilfeleistungen für jene Deutschen in der Bundesrepublik, deren Vorfahren seit dem 11. Jahrhundert als Bauern und Handwerker von ungarischen Königen in die Karpaten gerufen worden waren und in Siebenbürgen seit 1224 verfassungsmäßige Rechte besaßen. Andererseits war diese Interessenvertretung ein Gesprächspartner für die Rumäniendeutschen dort im Lande.

Politisch lief seit jeher vieles anders. Rumänische Botschafter sind zu Gast bei den Pfingsttreffen in Dinkelsbühl, es gab gemeinsame wissenschaftliche Tagungen hierzulande und auch in Rumänien. Doch in den letzten Jahren haben sich die Konfliktstoffe vermehrt, zuletzt durch die von Staatschef Ceausescu angekündigten Veränderungen der ländlichen Struktur, den Abriss ganzer Dörfer. Sie treffen alle dort lebenden Nationalitäten, doch für die bislang dort verbleibenden Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben als Ganzes müssen solche Eingriffe in die Wohnstruktur tief greifende Folgen haben.

Zum 35jährigen Bestehen der Kreisgruppe Mannheim-Heidelberg hatte die Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen gestern in den Saal der St. Jakobusgemeinde, Neckarau, eingeladen, wo der Kreisvorsitzende Hans Wester zahlreiche Gäste willkommen hieß und der stellvertretende Kreisvorsitzende Gerhard Truetsch an die Anfänge dieser Tätigkeit erinnerte.

Bürgermeister Niels Gormsen, der Grüße namens des Oberbürgermeisters und de Gemeinderats überbrachte, sprach die aktuellen Vorgänge in Rumänien an, die das Ende einer über 800jährigen Kultur bedeuten. Das löse Trauer aus; für die Landsmannschaft bedeute es künftige Mehrarbeit bei der Eingliederung.

Dr. Wolfgang Bonfert, der Bundesvorsitzende der Landsmannschaft und Vorsitzender der Weltföderation Siebenbürger Sachsen, erklärte, diese Feier finde in einer spannungsgeladenen, schweren Zeit statt. Viele Rumäniendeutsche sähen dort keine Zukunft mehr für sich und ihre Familie. Als Gruppe sei seine Organisation in dieser Krise ohnmächtig, weil es der Staat Rumänien ablehne, Hilfe anzunehmen, sobald sie über persönliche Zuwendungen hinausgehe.

Bonfert meinte, etwa 200 000 Menschen aus Ost- und Südosteuropa wollten in die Bundesrepublik kommen, und das „Nicht leichten Herzens“, sondern „weil sie in Not sind und auf unsere Hilfe bauen“. Die Vernichtung von Kulturdenkmälern der Siebenbürger Sachsen in Rumänien würde bedeuten, dass damit diese Kultur selbst in Vergessenheit gerate.

Richard Löw, der Landesvorsitzende von Baden-Württemberg, bekräftigte die Bereitschaft seiner Organisation, zu der Eingliederung der Aussiedler, beizutragen. Anni Hermann, Kulturreferentin des Bundes der Vertriebenen Mannheim-Stadt, erwähnte die sprachlichen Probleme anderer Aussiedlergruppen, denen mit Feingefühl begegnet werden solle. Stadtrat Otto Heß überbrachte Grüße des Heidelberger Oberbürgermeisters Zundel.

In seinem Festvortrag erinnerte Pfarrer Hermann Schuller (Mannheim) an die verschiedenen Etappen des Zusammenlebens nach dem zweiten Weltkrieg in Rumänien. Der ideologischen Auflockerung des Jahres 1964 sei unter jungen Rumäniendeutschen eine Aufbruchstimmung gefolgt, und auch innerhalb der Landsmannschaft habe man sich als „Brückenbauer“ gesehen. Seit Mitte der siebziger Jahre sei jedoch der Lebensraum eingeschnürt von einem politischen System, das allen Menschen, die Rumänen eingeschlossen, unendliches Leid zufüge.

Dennoch, so Schuller, würden von den Auswanderern keine „Feindbilder“ entwickelt. Der Landsmannschaft falle die
Aufgabe zu, ein „einzigartiges Gemeinwesen“ weiterzuführen. Seine Vision sei es weiterhin, dass die Siebenbürger Sachsen „als Brückenbauer zwischen zwei Welten“ wirkten. Pfarrer Schuller: Die Zukunft Europas und der Welt verlange Sensibilität im Umgang mit dem Andersartigen sowie mit anderen Sitten und Gebräuchen“.

 

 


Seite drucken

Berichte

Veranstaltungen

Seitenanfang

© Copyright: Kreisgruppe Mannheim-Heidelberg, 
  Internet: mailto:webmaster@siebenbuerger-ma-hd.de