Siebenbürgische Zeitung schrieb am 15.04.2005

 

„Deportation der Siebenbürger Sachsen vor 60 Jahren in die Sowjetunion“

„Vergeben ja, vergessen nein“

 

von Susanne Weber

Hans-Holger Rampelt, stellvertretender Kreisvorsitzender, hielt am 03. April 2005 im Saal der Ev. Friedenskirche Mannheim, vor zahlreichen Anwesenden und Zeitzeugen, den Vortrag: „Deportation der Siebenbürger Sachsen vor 60 Jahren in die Sowjetunion“


 


Nach der Begrüßung durch den Vorsitzenden Hans Wester und den andächtigen Worten gesprochen von Pfarrer Michael Batzoni (er wählte passend zum Thema den Psalm 137 – die Klage der Gefangenen zu Babel – die Deportation der Israeliten in Babylonien ) wurde in einer Schweigeminute der Verstorbenen gedacht, die die Deportation nicht überlebt haben. „Wer diese Zeit nicht selbst erlebt hat, wird sie nie verstehen, wer sie selbst erlebt hat, wird sie nie vergessen.“ Mit diesen treffenden Worten von Dr. Wilhelm Wolf, dem langjährigen Ministerialbeauftragten für die Gymnasien in Mittelfranken, eröffnete Hans Rampelt seinen Vortrag.


Wir sind heute hier, um zu gedenken, um uns zu erinnern und um zu erinnern.

  • um zu erinnern an das schwärzeste Kapitel siebenbürgisch-sächsischer Geschichte, der Deportation vor 60 Jahren in die Sowjetunion, der gewaltsamen Trennung von unmündigen Kindern, von alten und kranken Eltern, von Haus und Hof

  • um derjenigen zu gedenken, die während der Aushebung, auf der Fahrt oder im Lager ihr Leben verloren haben

  • um uns zu erinnern an das Leid, die Not, die Angst, die unsere Landsleute ertragen mussten – so der Referent.

 

Gedenkenveranstaltung für die Russlanddeportierten in Mannheim, von links nach rechts: Hans Rampelt, Christian Brenndörfer (Zeitzeuge), Susanne Schaser (Zeitzeugin), Hans Wester, Katharina Batzoni (Zeitzeugin), Andreas Liess (Zeitzeuge) und Michael Batzoni. Foto: Roswitha Batzoni

Gedenkveranstaltung für die Russlanddeportierten in Mannheim,
von links nach rechts: Hans Rampelt, Christian Brenndörfer (Zeitzeuge), Susanne Schaser (Zeitzeugin), Hans Wester, Katharina Batzoni (Zeitzeugin), Andreas Liess (Zeitzeuge) und Michael Batzoni. Foto: Roswitha Batzoni

 

Wie kam es zu diesem tragischen Geschehen?
Am 23. August 1944 schloss Rumänien mit der vormarschierender Sowjetarmee einen Waffenstillstand ab und erklärte kurz danach Deutschland, seinem bisherigen Verbündeten, den Krieg. In Nordsiebenbürgen erkannte der deutsche General Arthur Phleps, ein Siebenbürger Sachse, dass die Situation für seine Landsleute gefährlich war. Er ordnete die Evakuierung der Deutschen aus dem Nösnerland an. Trecks zogen nach Österreich, und später viele nach Nordrhein-Westfalen. In Südsiebenbürgen konnte ein solcher Plan nicht mehr durchgeführt werden: Anfang September 1944 besetzten sowjetische Truppen Hermannstadt und Kronstadt. Für die Deutschen in Rumänien leitete der Umsturz vom 23. August 1944 Verfolgung, Diskriminierung, Deportation und Enteignung ein. Die Siebenbürger Sachsen und die Banater Schwaben wurden für die von den Nazis auf dem Gebiet der Sowjetunion begangenen Verbrechen verantwortlich gemacht und sollten dafür büßen. Stalins Deportationsbefehl wurde von General Winogradow dem rumänischen Ministerpräsidenten Rădescu am 6. Januar 1945 überreicht.

Der Hermannstädter Journalist Herwert Scheiner berichtet von zwei Plänen zur Verhinderung einer eventuellen Aushebung von Volksdeutschen. Doch beide Pläne hatten keinen Erfolg. Auch König Michael 1. habe gegen das widerrechtliche Vorgehen der Sowjetunion protestiert, die Kommunisten in der Regierung Radescu aber zugestimmt. So begann am 11. Januar die Eintreibung und endete am 16. Januar. Konnte das Soll der Transporte nicht erfüllt werden, weil nicht alle auf den Listen eingetragenen aufzufinden waren, wurden auch Männer und Frauen festgenommen, die älter oder jünger als das vorgeschriebene Alter waren. Mit Verpflegung für 14 Tage, Winterkleidung und einer warmen Decke im Gepäck wurden die Ausgehobenen in vergitterte Viehwaggons verfrachtet. Die Fahrt dauerte bei eisiger Kälte, primitiven hygienischen Verhältnissen und notdürftiger Versorgung mehrere Wochen, so die Aussage der meisten Zeitzeugen. Die Verschleppten wurden auf 85 Lager, in der Ukraine – Donez-und Dongebiet und im Ural, Bezirk Molotow verteilt, und arbeiteten vorwiegend im Bergbau und Bauwesen, der Industrie, aber auch in Landwirtschaft und Lagerverwaltung.

Und wieder sind es Zeitzeugenberichte, die diese menschenunwürdigen Ereignisse veranschaulichen: sei es das Erlebnis eines 13-jährigen Mädchens bei der Aushebung, oder der Bericht einer Internierten aus dem Lager Kriwoi-Rog: „Wir wurden in Breitschienenwaggons verlegt, wie Vieh mit 70 Mann hineingepresst, Türen und Fenster mit Brettern vernagelt. Die Männer sägten in den Boden des Waggons ein kleines Loch, in das wir unsere Notdurft verrichten konnten“. Die Reiseverpflegung war unter aller Kritik. Ein halbes abgehäutetes Lamm und ein Eimer ungekochter Erbsen wurden in den Waggon hineingeworfen. Die Erbsen hielten wir wie Kaugummi stundenlang im Mund. Das Fleisch wurde in Stücke geschnitten und so lange mit einem Stück Holz mürbe bearbeitet, bis es etwas weich war.“

Ein Hermannstädter Zeitzeuge wurde zitiert: „Wir mussten uns schichtweise beim Hinlegen ablösen. Die eine der beiden Schichten hockte um den Ofen. Die Stimmung der Deportierten war gedrückt, die Haltung mustergültig. Die meisten unserer Volksdeutschen hielten sich durch die Hoffnung aufrecht, dass Deutschland trotz allem den Krieg gewinnen werde.“

Im Zeitzeugenbericht „Versöhnung statt Hass“ beschreibt Wilhelm Martin Grail das Lager Gorlowka im Donezbecken / Ukraine: „Am 4. Februar 1945 kamen wir in Gorlowka an, wo wir in einem Barackenlager hinter Stacheldraht untergebracht wurden. Wir schliefen auf Holzpritschen, ohne Strohsack, nur in unsere mitgebrachten Decken eingewickelt. Am nächsten Tag mussten wir draußen bei eisiger Kälte antreten, ungefähr 1.600 Männer und Frauen. Offiziere teilten uns zur Arbeit ein, in die Kohlengrube oder auf verschiedene Baustellen….Die Verpflegung war sehr schlecht, es gab tagaus tagein immer dasselbe: warmes Wasser mit einigen Krautblättern drin und ein Esslöffel Graupen, Tagesration 300 Gramm Brot.“

Die Deportierten berichteten aber auch über positive Erlebnisse wie Mut, Liebe, Glaube, Zusammenhalt, Lebenswille, Zuversicht. So wurde aus Hans Eiperts Tagebuch zitiert: „Es ist immer ein Stückchen Heimat, wenn wir abends zusammenkommen.“

Ein Ausschnitt aus dem Erlebnisbericht über Weihnachten 1946 von Ernst Roth, war auch sehr beeindruckend: „Die Taschen und Beutel wurden geleert. Kohle, Koks und ab und zu ein Stückchen Holz kamen zum Vorschein. Im Ofen wurde Feuer gemacht, sauberer Schnee in zwei früheren Zuckerdosen auf den Herd gestellt. Der große Moment war gekommen, ein Sack Zusatznahrung wurde ausgeleert, den ein Mann für die Brigade im Bettelgang in der Stadt gesammelt hatte. Die Arbeitskameraden hatten den ganzen Tag für ihn gearbeitet und ihn bei Kontrollen gedeckt. Zum Vorschein kamen Fischköpfe und –schwänze, saure Gurken und Tomaten, rote und Futterrüben, Brot- und Maisbreireste, sogar Zwiebel und Knoblauch. Mit den Kameraden, die kein Brot mehr hatten, teilten wir das vorhandene, so dass jeder ein paar Bissen bekam. Dann wurde der Föhrenzweig auf den Tisch gelegt, jemand hatte sogar einen Kerzenstummel hervorgezaubert. Wir standen vor der flackernden Kerze, es war auch für uns Heilige Nacht. Einer hatte ein Weihnachtslied angestimmt; es blieb in den Kehlen stecken. So sprach einer von uns das Vaterunser. Frohe Weihnachten, sagte der Brigadier, dann wurde gegessen. In solchen Momenten war das Heimweh unerträglich.“

Die evangelische Kirche habe sich bei der rumänischen Regierung und sogar durch Schreiben bei Stalin um die Rückführung der Deportierten bemüht; Arbeitsunfähige und Kranke seien Ende 1945 nach Siebenbürgen entlassen worden, während !946-1947 über 5100 Sachsen mit Krankentransporten in Frankfurt an der Oder gelandet seien.

Aus einem Zeitzeugenbericht, der zitiert wurde, ging die Vorbereitung zur Heimkehr hervor, die ausschlaggebende ärztliche Untersuchung, die Abgabe aller persönlicher Habseligkeiten, die Verladung auf LKWs, der Transport zum Bahnhof und die Verladung in die Waggons. Die Verpflegung sei gut gewesen, man habe sie aufpäppeln wollen. An der rumänischen Grenze seien sie entlaust und gebadet worden, hätten einen Erklärungsbogen von der Repatriierungskommission ausgefüllt und dann eine unentgeltliche Fahrkarte zum Bestimmungsort erhalten.

Die der Verschleppungsaktion folgende Zeit war für die Zurückgebliebenen eine wahre Hölle, sie waren politisch rechtlos und örtlicher Willkür ausgesetzt. Durch das Gesetz vom 23.03.45 kam es zur totalen Enteignung des Grundbesitzes der deutschen Volkszugehörigen: ein großer Teil der Bauern mussten den Hof für zuziehende Kolonisten räumen und in Zigeunerkaten ziehen, andere waren froh, wenn sie im Haus ein Zimmer behalten konnten. Es war nicht zu übersehen, dass die Deutschen in Rumänien in ihrer Substanz schwer getroffen waren. Hier seien die Gründe der späteren Aussiedlung zu finden, so der Referent.
Anschließend schilderte der anwesende Landsmann und Zeitzeuge Christian Brenndörfer eindrucksvoll seine Erlebnisse dieser leidvollen Zeit.

Mit viel Applaus dankten die Anwesenden Hans Rampelt für den sehr gut vorbereiteten und gut dokumentierten Vortrag. Danke auch an Ilse Rampelt, die zu dem gesprochenen Wort Bilder gezeigt hat. Danke den Helferinnen und Helfern für ihren Beitrag zum gemütlichen Teil bei Kaffee und Kuchen.
 

 

                      


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