Prof. Heinz Acker schrieb am 15. Juli 2005 in der Siebenbürgische Zeitung

 

„Familie Wester“ auf Ostfahrt

von Prof. Heinz Acker

 

In einer der masurischen Geschichten von Siegfried Lenz macht sich die ganze Dorfgemeinschaft von Suleyken solidarisch auf den Weg, um einen ihrer Mitbürger auf seiner Fahrt in die Fremde zu begleiten. Weil es dem Suleyker Amadeus Loch an einem Kilochen Nägel mangelt, nimmt er zum Einkauf seine Frau mit, diese ihren Schwager, der seinen . . .u.s.w. Ähnliches geschah in Mannheim, als der Kreisgruppenvorsitzende Hans Wester zu einer Masurenfahrt seine Frau mitnahm, diese ihre Schwägerin, die wiederum … u.s.w.

 

 

Schließlich waren es 23 Mitglieder der Kreisgruppe Mannheim-Heidelberg, die sich mit dem Reiseunternehmen Schmidt auf den Weg ins ehemalige Ostpreußen machten. Hier waren sie – der Einfachheit halber – als „Familie Wester“ registriert und als solche Großfamilie wurden sie auch in jedem Hotel eingecheckt. Auf der Reise durch Pommern mit den wunderbar wieder aufgebauten alten Hanse-Städten Danzig und Stettin, durch das landschaftlich reizvolle Kaschubenland, das uns Günter Grass in seiner Blechtrommel näher bringt, dann durch das Ermland und Masuren, bewegte man sich auch auf den Spuren deutscher Ostgeschichte und konnte dabei viele Parallelen zur eigenen Historie feststellen.

Die Geschichte dieser Landstriche ist eine sehr wechselvolle und blutige, denn sie wurde mit dem Schwerte geschrieben: die gewaltsame Christianisierung der slawischen Pruzzen durch den Deutschen Ritterorden mit der Folge deutscher Besiedlung und Kolonisierung, aus der schließlich das Herzogtum und Königreich Reisegruppe im Juni 2005 in Nordpolen / Masuren Ostpreußen hervorging, mit ständig wechselnden Machtverhältnissen und Gebietsansprüchen der Schweden, von Großpolen und Litauen, der russischen Krone und natürlich der preußischen Könige.

Die letzte große Veränderung, die der zweite Weltkrieg mit sich brachte, wurde von der reizenden polnischen Fremdenführerin Agneska etwas schwammig mit dem Begriff eines „Bevölkerungsaustausches“ umschrieben; denn die vertriebenen Deutschen wurden bei der neuen Grenzziehungen durch Zwangsumsiedlung von Polen, Weißrussen und Ukrainern „ausgetauscht“, Neusiedler, die zunächst mit der gewachsenen Kulturlandschaft nicht zurecht kamen. Heute betrachten sie das Land als ihre Heimat, die bis ins tiefste Hinterland ein erstaunlich positives Bild bietet: wohlbestellte Felder, gepflegte Häuser, Sauberkeit und Ordnung, so dass man eventuell mitgebrachte Vorurteile (etwa: „wo sich aufhört das Kultur, da beginnt sich das Masur“) ruhig ablegen konnte. Auf die Spuren deutscher Vergangenheit stieß man allenthalben, sind die meisten Städte doch Gründungen des Deutschen Ritterordens. Die imposante Marienburg am Ufer der Nogat wurde 1226 gegründet, als der Orden aus Siebenbürgen vertrieben worden war und sich hier seinen neuen Stammsitz aufbaute. An die unselige neuere (deutsche) Geschichte erinnerte die Besichtigung von Hitlers Hauptquartier, der „Wolfschanze“, von wo aus der Ostkrieg gesteuert werden sollte. Das voll gestopfte Programm enthielt auch kulturelle Beigaben (zwei Konzerte auf den berühmten historischen Orgeln von Oliva/ Danzig und Heiligelinde).

Man ließ sich gefangen nehmen von dem lieblichen Reiz der masurischen Landschaft mit ihren dunklen Wäldern und kristallklaren (3000) Seen, etwa bei einer Fahrt durch die Johannesburger Heide, sowie bei einer Staken-Fahrt auf dem idyllischen Flüsschen Krutinnen (denn „wer diese Fahrt nicht gemacht hat, der hat Masuren nicht gesehen“ – so Klaus Bednarz), ließ sich von unzähligen Störchen beklappern (die Polen allerdings auch nicht vom Bevölkerungsschwund bewahren können) und auch von der masurischen Küche mit Pierogi und Bigos, sauren Gurken und süßen „Kathrinchen“ (Lebkuchen) verwöhnen.

Bei schnurrigen Anekdoten und Erzählungen (wie etwa den köstlichen masurischen Geschichten von Siegfried Lenz So zärtlich war Suleyken), aber auch bei Besinnlichem von Agnes Miegel oder Ernst Wiechert verlief die Weiterfahrt von Allenstein/ Olsztyn über das quirlige Studentenstädtchen Thorn/ Torun, der Geburtsstadt von Nikolaus Kopernikus und Posen/Poznan, dessen Pracht die einstige Hauptstadt Großpolens heute noch verrät. Alles in allem eine äußerst interessante, kurzweilige und informative Reise mit vielen Seitenblicken auf unsere eigene Geschichte.

So erweckten die Verse eines Horst Michalowski, in denen er einen liebevollen (Rück)Blick – voller Wehmut aber ohne Hass und Zorn – auf die verloren gegangene masursche Heimat richtet, doch starke Assoziationen zu den Befindlichkeiten der siebenbürgischen „Familie Wester“ auf Ostfahrt.

 


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