Autorenlesung mit Frau Astrid Bartel in Heidelberg

 

von Ilse Rampelt

Am 11. Oktober wohnten wir einer anregenden Lesung mit Frau Astrid Bartel im Hermann-Maas-Haus bei. Die gebürtige Hermannstädterin las aus ihrem   Erstlingswerk „Das Mädchen von der Quelle. Siebenbürgische Geschichten um Roma und Sinti“ (2005) die Geschichte „Geigerich“ sowie die Geschichten „Der Tag vor dem 23. August“ und „Unser Sanitätskreis“ aus ihrem zweiten Buch „Der halbierte Stalin. Hermannstädter Geschichten“ (2007). Während im ersten jeweils ein Menschenschicksal im Mittelpunkt der Erzählungen steht, die zutiefst berühren, sind es im zweiten Buch vergnügliche Geschichten vor ernstem Hintergrund im vielsprachigen Hermannstadt der Nachkriegszeit. Mit viel Humor erzählt die Autorin von den kleinen täglichen Nöten der politischen Kontrollen, des wirtschaftlichen Mangels und einer unzulänglichen Organisation, von Begebenheiten und Situationen, die sie in ihrer Kindheit und Jugend in Hermannstadt erlebte. „Unser Sanitätskreis“ ist ein köstliches Beispiel dafür: die Auseinandersetzungen zwischen dem pensionierten Buchhalter, dem Popen und dem kommunistischen Genossen Stoica gipfeln in der Versöhnung mit dem gerade ergatterten roten Toilettenpapier. Das Kommando der Oberschwester, in den Flur hinaus gebrüllt: „Machen Sie schon mal alle den Oberkörper frei!“ trug ebenfalls zu unserer Erheiterung bei. Da viele Zuhörer ebenfalls Hermannstädter waren, schwelgte man bald in eigenen Kindheits- und Jugenderinnerungen, was zu angeregten Gesprächen in der Kaffeepause führte.

Astrid Bartel wurde 1945 in Hermannstadt geboren, wanderte 1965 nach Westdeutschland aus und lebt seit 1975 in Berlin. Nach der politischen Wende und Öffnung der Grenzen arbeitete Astrid Bartel, die Germanistik und Geographie studiert hatte, als Dolmetscherin für Polizei und Gericht. Dort traf sie auf Roma-Familien, die ihre Kindheitserinnerungen belebten, worauf sie diese voller Heiterkeit zu Papier brachte. Ihr Mann Jürgen Bartel war der erste Hörer der Geschichten und hat beim Entstehen des Buches als Illustrator mitgewirkt. Um den gängigen Vorurteilen entgegenzuwirken, greift sie in ihren Geschichten positive Erfahrungen mit Zigeunern auf und verarbeitet sie gekonnt in den siebenbürgischen Geschichten um Sinti und Roma. Der ursprüngliche Titel ihres Buches „Zigeuner auf meinem Weg“ wurde vom Verleger abgelehnt. Doch in den Erzählungen wird das Wort „Zigeuner“ weiter benutzt, auch um die Sprechweise jener Zeiten richtig wiederzugeben.

Diese heiteren Geschichten mit ihrem inhaltlichen Tiefgang sind für Jung und Alt lesenswert: ältere Leser werden in frühere Jahrzehnte versetzt und erinnern sich schmunzelnd an ähnliche Erlebnisse, während junge Leser erfahren, dass man damals nur im Zusammenhalt über alle Grenzen von Sprache, Kultur und Konfession hinweg die politischen Schikanen des Sozialismus, Enteignung und Lebensmittelknappheit ertragen konnte, und der Misere sogar noch Fröhlichkeit abgewinnen konnte.

Der Autorin wurde herzlich gedankt für die menschliche Wärme ihrer Erzählungen, die auch auf die Zuhörer übersprang.

                      


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