Vortrag „Was ist Heimat, wo ist Heimat?" mit Hans Wester

(2007 in Heidelberg und 2008 in Stuttgart)

 

Ja, wenn der Begriff Heimat so einfach zu definieren wäre. Es gibt viele gemeinsame, aber auch widersprüchliche Meinungen zu diesem Thema. Eine Definition dafür zu finden ist schwierig.

Ber Begriff kann verschiedene Gefühle auslösen, von notwendig bis befreiend, und Vorstellungen von Heimat gibt es so viele wie Menschen. 

„Was ist Heimat? wo ist Heimat? Für uns, für mich. Man könnte sagen:

Mein Land, meine Stadt / mein Dorf, meine Familie, meine Sprache, mein Glaube,

der Ort, wo ich geboren wurde und aufgewachsen bin, da, wo mich alle kennen,

wo meine Frau / mein Mann ist, wo ich Liebe fand, da, wo ich mich wohl und geborgen fühle, wo ich eine gute Arbeit finde,

oder ist es die Erinnerung an meine Kindheit?

die Straße, der Spielplatz, mit der sich Kindheitserinnerungen verbinden?

oder der Dialekt, den Eltern und Großeltern sprachen, ist es unser Europa,

oder sogar unser Planet „Erde“?

 

Wer in Afrika nach seiner Heimat gefragt wird; sagt spontan: Europa. Wird man in einem europäischen Land gefragt, dann ist die Antwort; Deutschland. Werden Sie aber irgendwo in Deutschland gefragt, dann sagen Sie Heidelberg, Mannheim, oder halt den Ort, in dem Sie leben. Wenn Sie in der Heimatstadt gefragt werden, nennen Sie natürlich den Stadtteil, die Straße. Aus der Sicht der Astronauten, die die Erde als eine Kugel sehn, ist es gewiss der blaue Planet.

Was antworten wir auf die Frage: wo ist deine Heimat? Ist es Heidelberg / Mannheim, oder ist es Hermannstadt / Kronstadt?  Ist das Dorf in Siebenbürgen, da wo ich geboren bin immer noch meine Heimat, obwohl ich schon über 40 Jahre in Deutschland, in Mannheim lebe und hier zu Hause bin?

Wo ist die Heimat der Siebenbürger Sachsen und vieler anderen Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten bzw. freiwillig verlassen haben?

Für die Älteren wird der Geburtsort, der Ort wo sie getauft, konfirmiert wurden, wo sie aufgewachsen sind, da wo die Eltern und Großeltern auf dem Friedhof ruhen, die Gegend in der sie und ihre Vorfahren Jahrhunderte gelebt haben, aus der sie vertrieben wurden oder geflüchtet sind, die Heimat, oder zumindest die alte Heimat bleiben.

Für die Jüngeren ist Heimat der Ort, an dem sie in der Bundesrepublik Deutschland, oder sonst wo aufgewachsen, zur Schule gegangen sind, jetzt all die Verbindungen haben, sei es im Berufsleben, in Vereinen oder Organisationen.

Fährt man nach Jahren zurück in die alte Heimat, stellen wir fest, dass der Ort, das Haus, das unsere Heimat war, nicht mehr unser zu Hause ist. Es hat einen anderen Anstrich, alles hat sich verändert, es wohnen andere Menschen drin.

Da passt der Spruch, der am Giebel eines Hauses in meinem Geburtsort zu lesen war: "Dies Haus ist mein und doch nicht mein; // Dem's vor mir war, sollt es auch nicht sein; Er ging hinaus, ich ging hinein; // Nach meinem Tod wird's auch so sein!" Der nach mir kommt, dem wird’s auch nicht sein, usw.

 

Was ist Heimat?

Die Definition  nach Gesetz, gemäß Bürgerpflicht und von außen auferlegter Verantwortung:

Heimat  = Heimatort, dessen Bürgerrecht man besitzt
             = Heimatstaat, dessen Staatsbürgerschaft man besitzt

 

Nach dem persönlichen Denken und Fühlen:

Heimat  = wo man daheim ist und sich wohl fühlt, Ort der Vertrautheit und Geborgenheit.

Heimat steht geographisch für den Ort - die Stadt, das Land oder die Gegend -, an dem man heimisch ist, gerne lebt und mit dem man sich verbunden fühlt.

 

Schon Cicero stellte fest: "Wo immer es gut ist, dort ist meine Heimat" (Ubi bene, ibi patria). Aus heutiger Sicht stimmt diese Aussage so nicht mehr, aber was macht sie dann doch so interessant?  Marcus Tullius Cicero wurde am 03. Januar 106 vor Christus in Arpinum bei Rom geboren. Sein Vater ließ ihn zum Anwalt und Redner ausbilden. Mit 25 Jahren verlässt er Rom (von 79 - 77 v. Chr.) und bereist Griechenland und Kleinasien. In Athen und Rhodos trifft er die berühmtesten Philosophen seiner Zeit.

 

Heimat bedeutet meist nicht nur das Geborgensein in einer Region, sondern auch in der eigenen Familie! Heimat ist innigstes vertraut sein mit Menschen, ist Gemeinschaft, und das erste menschliche Du, dem der Mensch begegnet, ist die Mutter.

Die Bedeutung von Heimat als Ressource - die natürlichen Lebensgrundlagen des Menschen, für glückliche Persönlichkeit und Identifizierung - „glücklich ist derjenige, der über Heimat überhaupt verfügt“, wird (hier) ebenso deutlich wie die Vorstellung von Heimat als Grundvoraussetzung für „globales Denken“.

> Für den einen ist Heimat nichts anderes als ein "Kunstgebilde" des Menschen, um sich in seiner natürlichen Umgebung zurechtzufinden. Je weniger sich der Mensch mit seiner Umgebung und seinen Mitmenschen gleicher und anderer Kulturen und Sprachen auseinandersetzt, desto kleiner wird der Begriff Heimat definiert. So ist Heimat für den einen das Dorf/ die Stadt in der er aufgewachsen ist, die dann sofort in seiner Erinnerung präsent sind, wenn er von "Heimat" hört.

 

> Für den anderen ist es das Bundesland, das Land oder der Kontinent.

 

> Ein dritter sagt, Heimat hat für mich sehr viel mit Geschichte zu tun. Heimat ist für mich der Raum meiner eigenen Geschichte. Heimat ist Wohlfühlen, Kontakt zu Eltern, Verwandten und Freunden. Heimat kann für mich kein Land, keine Stadt oder kein Ort sein. Heimat ist das persönliche Lebensgefühl zwischen mir als Person und meiner Umwelt.

 

HEIMAT, ein Begriff mit langer Geschichte

Für die Deutschen ist das Wort "Heimat" das schönste Wort ihrer Sprache und ein beliebter und gängig gebrauchter Ausdruck. Will man ihn aber übersetzen, gibt es Probleme. Beim Aufschlagen von Wörterbüchern bemerkt man schnell, dass es eine Eins-zu-eins-Übersetzung in andere Sprachen nicht gibt. Weder das englische "Homeland" oder "home country" trifft die deutsche Bedeutung, noch das lateinische Wort "patria", das sich heute im Italienischen und Spanischen wieder findet, beinhaltet die Sinnvielfalt des deutschen Heimatbegriffs. All diese "Ersatzwörter" beziehen sich auf die Heimat als das Vaterland, in dem man geboren wurde. "Homeland" lässt sich beispielsweise als Gegenbegriff zur "Kolonie" verstehen, was aus dem britischen Kolonialisierungszeitalter herrührt.

 

Begibt man sich auf die Suche nach der sprachlichen Herkunft von "Heimat", muss man bis ins Germanische zurückgehen, den Ursprung mehrerer europäischer Sprachen. Hier taucht das Wort "heim" auf, was so viel bedeutet wie "Wohnplatz", "Dorf" oder "Haus". Eine Ableitung ist davon nicht nur im deutschen ''Heim'', sondern auch im englischen "home" erhalten. Bezeichnet wird allgemein der Ort, an dem man lebt. Doch das "zu Hause", wie wir es in unserer Zeit kennen, beinhaltet weit mehr als ein tatsächlich bewohnbares Gebäude. Eine Heimat hat man dort, wo Gefühle und persönliche Assoziationen (bewusste oder unbewusste Verknüpfung von Gedanken) hineinspielen.

Eine wichtige Sinnerweiterung erhält das germanische "heim" schließlich in der nächsten Entwicklungsstufe: Im Althochdeutschen (8. Jahrhundert bis 1050 ) taucht "heimoti" auf, später wird daraus das mittelhochdeutsche "heimote" (1050 bis 1350). Durch die Nachsilben "-oti" und "-ote" erhält das Wort eine erweiterte Bedeutung: "heimoti" lässt sich demnach mit "zu dem Heim gehörig" übersetzen. Die materiellen vier Wände eines "Heims" werden durchbrochen und beziehen weitere immaterielle Aspekte mit ein, beispielhafter Ausdruck ist hierfür das "zu Hause sein“.

 

Heimat hat auch etwas mit Sprache zu tun.

Erstaunlich oft wird der Begriff Heimat mit Sprache in Verbindung gebracht. In vielen europäischen Staaten ist Zwei- oder Mehrsprachigkeit viel mehr als bei uns eine Realität und verträgt sich dort durchaus mit dem Heimatgefühl. Beispiele für eine weitgehend gelungene Toleranz von Sprache, Kultur und Politik bietet der Kanton Graubünden in der Schweiz, wo das Schwyzerdütsch neben den rätoromanischen Dialekten als Restsprache existiert. Auch in Luxemburg stehen relativ konfliktfrei Französisch, Letzeburgisch und die Verkehrssprache Deutsch nebeneinander. Im Elsass – deutsch / französisch, in Südtirol – deutsch / italienisch und  auch in Siebenbürgen deutsch / ungarisch / rumänisch.

Es lässt sich also feststellen, dass der abwechselnde Gebrauch von mehreren Sprachen oder Dialekten zwar manchmal politisch – und auch kommunikativ – schwierig und anstrengend ist, aber weder kulturell noch intellektuell für irgendeinen Menschen schädlich sein muss. Und auch dem Heimatgefühl tut das keinen Abbruch, (so Erhard Brüchert, norddeutscher Heimatforscher).

Durch nichts anderes aber wird das Band zur Heimat und ihre Unentbehrlichkeit so beleuchtet und ans Licht gezogen, wie durch die Gemeinschaftlichkeit der Sprache, so lehrte Jacob Grimm 1830 deutscher Sprach- und Literaturwissenschaftler.

 

Heimat umschließt die Muttersprache, die Mundart. Wenn die Muttersprache Heimat bedeutet, dann werden auch Volk und Volksstamm zum Zuhause sein, zum »Heimatland«. Niemals kann das die ganze Welt, die »Menschheit« sein, trotz aller großartigen Vielfalt. Und das deshalb, weil das Gemüt in der Fremde nur zu rasch verstummt. Nicht minder sind die Landschaft, die Natur, die »Mutter Erde«, Teil der Heimat und das besonders für uns Deutsche. Bloße Ortsansässigkeit heißt noch lange nicht, »ins Eigene der Heimat Heimgekommen sein« so der deutsche Philosoph Martin Heidegger. Der Geist muss die Heimat verlassen um sich zu finden, muss in der Fremde heimisch werden. Und doch „zehret die Heimat“, lässt ihn nicht los. Und so bleibt dem Auswanderer der Stachel der Heimat, lässt ihn in der Fremde die Heimat suchen. In diesem Sinne sagt Heidegger, es sei die verlassene Heimat, die uns doch nicht los lässt, die die Sterblichen in ihr Wohnen ruft. Der Mensch verlöre sich selbst, bliebe er nicht unterwegs zur Heimat.

Wenn wir fragen: Welche Rolle spielt bei dem Begriff Heimat die Sprache oder der Dialekt?

erhält man Antworten wie:

Ø  Die Sprache schafft eine direkte Verbindung, aber auch eine direkte Trennung zwischen den Menschen. Somit ist eine Sprachbarriere eine direkte Eingrenzung der Heimat, zumindest für diejenigen, die keine weitere Sprache verstehen. In Gegenden, wo der Dialekt so stark ist, dass er von anderen Mitmenschen kaum noch verstanden wird, engt dieser zusätzlich ein und verhindert ein Gemeinschaftsgefühl. Dieses ist aber eines der Hauptpunkte für den Begriff Heimat.

 

oder

 

Ø  Sprache und Dialekt sind "ein Stück Heimat"! Viele würden Heimweh bekommen, hätten sie nicht die Möglichkeit, an ihrem Wohnort ihre Muttersprache zu sprechen.

 

oder

 

Ø  Die Sprache spielt eine ganz entscheidende Rolle, da sie aus der Kultur eines Landes entstanden ist. Für den Dialekt gilt in kleinerem Maßstab dasselbe.

 

Die sprachliche Entwicklung lässt sich kaum von der jeweiligen Lebenswirklichkeit trennen. Im Mittelalter war "Heimat" ein klar definierter Rechtsbegriff. Eine Heimat zu haben, bedeutete Haus und Hof in einer Gemeinde zu besitzen. Wer "Heimatrecht" hatte, durfte sich in einer Siedlung niederlassen, dort leben und seinem Handwerk nachgehen. Erworben wurde dieses Recht auf dreierlei Wege: entweder durch Geburt, durch die Verheiratung mit einem Gemeindebewohner oder durch eine offizielle Gestattung der Niederlassung, beispielsweise im Falle eines Hauskaufs. Mit dem Erhalt des Heimatrechts ging man einerseits gesetzliche Verpflichtungen gegenüber der Gemeinde ein. Anderseits hatten die, die in Armut lebten, aber auch finanzielle Unterstützungsansprüche. Das, was früher "Heimatrecht" hieß, ist heute am ehesten auf das Wort der "Staatsangehörigkeit" zu übertragen.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts erfährt der Heimatbegriff dann eine weitere Bedeutungswandlung. Die fortschreitende Technisierung und Industrialisierung hatten die Lebensräume der Menschen so verändert, dass sie sich entfremdet fühlten. In dieser Zeit, der Epoche der Romantik (1795 bis 1848), entsteht die ganz eigene Gattung "Heimatdichtung". Heimat entwickelt sich zum Gegenentwurf zu einer Realität, in der die Menschen sich nicht mehr zu Recht finden.

 

Deutsche Dichter wie Joseph von Eichendorff (1788-1857) setzen sich lyrisch mit ihrem Heimatland auseinander. Beschrieben wird die vertraute Landschaft und Natur, nach der man sich in der Fremde stets zurücksehnt. Während die Heimat der heilen Welt realitätsfern war, machten sich Schriftsteller wie Thomas Mann, Bertolt Brecht, Alfred Döblin, Lion Feuchtwanger, Leonhard Frank, Ludwig Marcuse und Franz Werfel,  die selber fern ihrer Heimat waren, zur Aufgabe, über ihre Heimat zu berichten, die sie verloren hatten oder von der sie gar vertrieben wurden. Dabei versuchten sie, ihre Heimat so realistisch zu beschreiben, wie sie sie in Erinnerung hatten.

 

Das 19. Jahrhundert ist dann auch eine Zeit des sozialpolitischen Wandels. Der Ruf nach einer "Deutschen Nation" wird immer lauter. Und so erlebt der Begriff Heimat im Rahmen der "Nationalbewegung" eine Politisierung. Die national-liberalen Kräfte im Land verlangen nach "Einigkeit" in dem staatlich zersplitterten Deutschland. Zwar scheitert die Märzrevolution von 1848, doch kommt es im Jahre 1871 schließlich zur Gründung des Deutschen Reiches. "Heimat" wird im sprachlichen Gebrauch zum Synonym von Vaterland und Nation, so Autorin Ulrike Vosberg in Planet Wissen (vom 16.11.2005).

 

 

Ideologie und Idylle - Heimat im 20. Jahrhundert

 

Die ersten Nationalgedanken aus der Gründungszeit des Deutschen Reiches (1871) heben stets den Einheitsgedanken Deutschlands hervor. Es gibt endlich eine Nation in einem zusammengehörigen Vaterland. Schlagartig ändert sich dieser positive Vaterlandsbegriff im Dritten Reich. Die Nationalsozialisten stellen "Heimat" in den Dienst der so genannten Blut- und Bodenideologie. "Wir wollen das Blut und den Boden wieder zur Grundlage einer deutschen Agrarpolitik machen", heißt es im Juli 1932 in der Monatsschrift "Deutsche Agrarpolitik". Neben diesem agrarpolitischen Gesichtspunkt steht die Blut- und Bodenideologie aber vor allem auch für die extreme Ansicht Hitlers, dass nur die "hochwertige arische Rasse" (gut, rein, edelmütig) das Recht habe, auf "deutschem Boden" zu leben. Das Nürnberger Blutschutzgesetz aus dem Jahre 1935 hat das Ziel, das ''deutsche Blut'' und die ''deutsche Ehre'' zu bewahren. Heimat wird zu etwas, das "Ausschluss" für alle Nicht-Deutschen bedeutet. Lange Zeit haftete daher dem Begriff "Heimat" etwas sehr Negatives an.

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg wird Heimat auf ganz andere Art und Weise in Deutschland wieder populär: In den 50er Jahren entstehen die sehr erfolgreichen Heimatfilme. Die Städte zeigen noch deutlich die Spuren des Krieges; die Familien sind zerrüttet. Nach 1945 hat sich kaum ein Deutscher in seinem Umfeld heimisch gefühlt. Unzählige Tote, zerstörte Städte, Schuldgefühle - die Sehnsucht nach einer intakten Welt, nach einer beschaulichen Heimat war groß. Doch woher rührt der große Erfolg dieser "typisch deutschen" Film Art? Der Heimatfilm bot dem Zuschauer eine "heile Welt" nach den Schrecken des grausamen Krieges. Man sehnte sich nach Frieden und Geborgenheit.

 

Dann spielt auch Zeit eine Rolle.

Zieht jemand in ein anderes Land, wird es nicht von jetzt auf nachher seine neue Heimat. Es bedarf einer längeren Zeit bis man mit der Umgebung, den Menschen, den Lebensverhältnissen vertraut wird, um sich zu Hause oder heimisch zu fühlen.

In den ersten Jahren in Deutschland sagte ich, wir wohnen in Mannheim – zu Hause sagte ich, wenn die Rede von meinem Heimatdorf, Geburtsort, war. Irgendwann habe ich mich dann dabei ertappt, dass ich sagte, wir fahren nach Siebenbürgen, oder halt den Namen meines Geburtsortes. Mein zu Hause ist jetzt - Mannheim. Ich glaube, vielen geht es genauso wie mir.

So war es auch im Sommer 2005, als wir nach 24 Jahren wieder mal nach Siebenbürgen gefahren sind. Als wir uns meinem Geburtsort, unserem Haus näherten, hatte ich schon ein mulmiges Gefühl, auf das was uns da erwarten würde. Die Enttäuschung war dementsprechend groß.

Dieses Gefühl in der Brust, das schwer zu beschreiben ist, wurde noch schlimmer als wir die Kirche betraten, in der ich getauft und konfirmiert wurde, wo wir, meine Frau und ich geheiratet haben und unsere Söhne getauft wurden. Noch stärker kam es zum Ausdruck, als wir anschließend zum Friedhof gingen, um das Grab meiner Eltern zu besuchen.

War es die Erinnerung an die Kind- und Jugendzeit, unsere Hochzeit, die Geburt der Kinder? Waren es Heimatgefühle? Ich würde sagen ja. Aber trotz allem, wie man es auch nennen mag, so richtig Heimat ist es doch nicht mehr, eher dann alte Heimat, ja alte Heimat.

Wer aus der Heimat vertrieben wird, oder den Mut aufbringt, von dort zu fliehen, der leidet. Die geheimnisvollen Fäden, die ihn an Dinge und Menschen binden, werden zerschnitten. Aber mit der Zeit erkennt er, dass er nun frei ist, neue zwischenmenschliche Fäden zu spinnen und für diese Verbindungen die Verantwortung zu übernehmen" (Vilém Flusser, tschech. Medienphilosoph).

 

Für den persönlichen Begriff von der Heimat gibt es verschiedene Begriffsebenen:

Der Raum

  1. wo man daheim ist, wo man wohnt: das Heim, die Wohnung, das Haus, der Hof.

  2. die Stadt oder das Dorf und die nähere Umgebung, die Region, die Landschaft, in der man sich auskennt und die man gern hat, weil die Örtlichkeiten mit der eigenen Lebensgeschichte, mit Erinnerungen verbunden sind.

  3. der Staat, dessen Bürger man ist und zu dem man treu und loyal ist.

     

Persönliche Beziehungen

  1. die eigene Familie / der Freund oder die Freundin

  2. die weitere Verwandtschaft, Freunde und Bekannte

  3. sonstige weitere vertraute Bezugspersonen (in der Schule, an Dienststellen, am Arbeitsplatz)

  4. die Landsleute im Allgemeinen

  5. Menschen, die unsere Sprache sprechen

     

Kulturgemeinschaft

  1. die Muttersprache, die vertraute Sprache, in der man aussprechen kann, was man denkt und fühlt und in der man die Feinheiten und Anspielungen erkennt

  2. die Sitten und Bräuche, mit denen man aufgewachsen ist oder später vertraut geworden ist.

  3. allgemeine Werthaltungen (Was ist im Leben wichtig?)

  4. die Religion, das Glaubensbekenntnis

  5. Wirtschaftszweige, mit denen man besonders verbunden ist (Landwirtschaft, bestimmte Gewerbe und  Industriezweige usw.)

 

Materielle Sicherheit

   1.       Wo man Arbeit und Einkommen findet.

   2.    Wo man soziale Sicherheit findet.

 

Dann stellt sich die Frage: Was bedeutet Ihnen persönlich Heimat?

Wie sind Sie durch Ihre Lebensgeschichte geprägt? Was haben Sie mitbekommen, was Sie mit Ihrer Heimat verbindet? (Sprache, Wertvorstellungen, Religion, Mentalität, Sitten und Bräuche) Da stimmen Sie mir bestimmt zu, Heimat ist etwas sehr Konkretes; Erinnerungen und Zukunftsgedanken, Geborgenheit und Wohlfühlen, Vertrautes und Geliebtes. Und dann ist Heimat auch Haus und Hof, das sind Landschaft und Grenze, Menschen und Tiere, Familie, Nachbarn und Freunde. In ihren Bildern erkennt man ihre unmittelbare Heimat wieder. Heimat gibt Sicherheit und Erfahrung, mit der man die Welt erkunden kann.

Heimat kann aber auch Enge bedeuten, Eigennutz und Angst vor dem Fremden. Das haben nach dem Krieg die vielen vertriebenen Deutschen schmerzlich erfahren. Wo immer sie hinkamen, ließ man sie spüren: Unsere Heimat gehört uns allein. Es hat Jahrzehnte gedauert, bis dieses Heimatgefühl überwunden und auch den anderen ein Platz zum Heimisch werden eingeräumt wurde.

Etwa zwölf Millionen Flüchtlinge und Vertriebene aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten fanden nach dem Zweiten Weltkrieg in den drei westlichen Besatzungszonen Deutschlands eine neue Heimat. Weitere vier bis fünf Millionen ließen sich in der Sowjetischen Besatzungszone nieder.

Die Deutschen in Rumänien wurden zwar nicht vertrieben, aber wie der ehemalige Heimatpolitische Sprecher der Siebenbürger Sachsen Hans Hartl  es ausdrückte „vertrieben, und im Vertreibungsland zurückgehalten“, und das über 45 Jahre lang. Sie wurden „Vertriebene in ihrer eigen Heimat“, Fremde auf eigener Scholle, Gedemütigte im eigenen Haus. Man verfälschte ihre Geschichte und sie büßten  ihre kulturelle Freiheit endgültig ein. Schließlich, um dem Volks Tod zu entgehen, begann die Auswanderung.

Die Aussiedler strebten und streben in Deutschland nach Integration. Sie wollen, wie sie es ausdrücken, als "Deutsche unter Deutschen" leben. Die relativ gute Kenntnis der deutschen Sprache und die gute Berufsausbildung ebnen ihnen diesen Weg.

In kurzer Zeit werden sie zu recht erfolgreichen deutschen Staatsbürgern. Die Sehnsucht nach der alten Geborgenheit in einer vertrauten und übersichtlichen Gemeinschaft führt die vornehmlich älteren Siebenbürger Sachsen in landsmannschaftlichen, kulturellen oder Heimatortsvereinen zusammen, die Jüngeren passen sich im Alltag und in der Aussprache schnell an und sind von ihren Mitbürgern nicht mehr zu unterscheiden. Für sie ist bestenfalls das Interesse an der Herkunft, die Suche nach den Wurzeln, ein Bindeglied zur Heimat der Väter, so Dr. Konrad Gündisch in einem Artikel über die Geschichte der Siebenbürger Sachsen.

 

»Es gibt nichts schlimmeres, als der Heimat  beraubt zu werden«

Am 15. Juli1948 sagte  Staatssekretär Jaenicke im Länderrat Baden-Württemberg über die Heimatvertriebenen: „…diese Menschen tragen am härtesten von uns, mehr auch als alle Evakuierten und Ausgebombten, denn sie haben das verloren, was durch nichts in der Welt ersetzt werden kann, was tausendfältig im Herzen eines Menschen widerklingt; ihre Heimat!

Der damalige Bundesvertriebenenminister „Oberländer“ sagte im Februar 1956 zum wachsendem Zustrom von Flüchtlingen: „wir sollten nie vergessen, dass niemand seine Heimat leichten Herzen verlässt. Wenn aber Willkür und Gewalt so groß werden, dass der Freiheitsdrang die Heimatliebe überwindet, dann sollten wir ihnen nicht nur Arbeitsplatz, sondern in unseren Herzen eine Zuflucht geben“.

Das deutsche Wort HEIMAT hat keine Mehrzahl. Es gibt also nur die Heimat. Wer nun aus seiner Heimat vertrieben wird und nicht mehr zurückkehren darf oder kann, muss sich eine neue Heimat suchen. Die Wurzeln bleiben aber in der “alten” Heimat. “ Die Massenvertreibung sowie die Verfolgung während der NS-Herrschaft hat die Betroffenen nicht nur um Haus, Hof und Heimat gebracht und ihnen unermessliches Leid zugefügt, sondern vor allem auch das Rechtsbewusstsein von Millionen Menschen auf das tiefste verletzt. Materielle Werte lassen sich ersetzen, viel schwerer wiegt indessen der Verlust der Heimat. .....” so Herbert Wehner, Fraktionsvorsitzender der SPD am 5.11.1980.

Dazu Ernst Paul, langjähriger Vorsitzender des Europaratsausschusses für Bevölkerungs- und Flüchtlingsfragen: … wie das Kind für seine gesunde seelische und soziale Entwickelung vertraute Bezugspersonen braucht, die ihm das Verstehen anderer Menschen ermöglichen, so braucht der Mensch auch seinen Bezugsort, sein Heim, sein vertrautes Territorium als Modell, damit ihm die übrige Welt nicht fremd bleibt.

Am 08. Mai 1985, also 40 Jahre nach Kriegsende, sagte der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker u.a.: „...bei uns selbst wurde das Schwerste den Heimatvertriebenen abverlangt, ihnen ist noch lange nach dem 08. Mai 1945 bitteres Leid und schweres Unrecht widerfahren. Um ihrem schweren Schicksal mit Verständnis zu begegnen, quält uns Einheimischen oft die Phantasie, und dem hat er hinzugefügt, das offene Herz. Aber, es gab alsbald auch große Zeichen der Hilfsbereitschaft. Viele Millionen Flüchtlinge und Vertriebene wurden aufgenommen. Im Laufe der Jahre konnten sie neue Wurzeln schlagen, ihre Kinder und Enkel bleiben auf vielfache Weise der Kultur und der Liebe zur Heimat ihrer Vorfahren verbunden. Das ist gut so, denn das ist ein wertvoller Schatz in ihrem Leben“.

Aus den Grußworten des Oberbürgermeisters der Stadt Mannheim, Gerhard Widder, der die Schirmherrschaft für die Siebenbürgisch Sächsischen Kulturtage im März 1987 in Mannheim  übernommen hatte, erfahren wir: "Auch in Mannheim haben viele Siebenbürger Sachsen nach dem Verlust ihrer Heimat ein neues Zuhause gefunden. Zahlreiche Brauchtumsveranstaltungen zeugen von den kulturellen Werten der ehemaligen Heimat und tragen somit dazu bei, diese Kulturleistungen, die ein Teil unserer europäischen Geschichte sind, zu bewahren. Mannheim hat in seiner Geschichte viele Flüchtlinge vorbehaltlos und gerne aufgenommen. Schon immer hatten die Bürger dieser Stadt besonderes Verständnis für die Sorgen und Nöte von Heimatlosen."

Auf der 50-jährigen Jubiläumsfeier der Kreisgruppe Mannheim-Heidelberg am 10. Mai 2003 sagte Widder u.a.: „…die Siebenbürger Sachsen sind längst zu einem selbstverständlichen Teil unserer Bürgerschaft geworden. Sie stehen in Treue zu ihrer alten Heimat, die im Herzen lebendig ist, sie bekennen sich ebenso zu ihrer neuen Heimat und ich füge ausdrücklich hinzu, an deren Entwicklung sie über Jahrzehnte hinweg wesentlich Anteil haben. Auch dafür will ich mich bedanken“.

Dr. Christoph Hammer, Oberbürgermeister unserer Partnerstadt Dinkelsbühl, bei seiner Rede anlässlich der Eröffnung des Heimattages der Siebenbürger Sachsen am Pfingstsamstag 2005   u.a.: „…das Thema Ihres diesjährigen Treffens ist "Heimat suchen - Heimat finden". Man könnte auch sagen: Nur wenn man weiß, woher man kommt, wenn man weiß, wo seine Wurzeln sind, weiß man auch, wohin man geht und wo man steht. Solche Jahrestage wie der heutige haben stets zwei Aspekte. Einmal ist da natürlich immer das Erinnern, der Blick in die Vergangenheit. Dieser Blick zurück ist wehmütig. Aber ich denke, er kann auch stolz machen und zuversichtlich. Wehmütig, weil Sie die Städte und Dörfer Ihrer Heimat im Karpatenbogen verlassen mussten, weil Sie neue Heimat suchen und schaffen mussten. Stolz, weil Sie diese neue Heimat gefunden haben, ob hier bei uns in Deutschland, Österreich oder gar in Übersee. Sie haben sich Ihren Zusammenhalt bewahrt, Ihre Kultur, Ihre Traditionen, ja sogar Ihre Sprache. Daraus lässt sich Zuversicht schöpfen und dazu haben Sie jeden Grund“.

Bei der Eröffnung des siebenbürgischen Heimatmuseums am 01. Dezember 2008, im alten Rathaus in Mannheim Neckarau, sagte Oberbürgermeister Dr. Peter Kurz in seinem Grußwort: „…Die Stadt Mannheim freue sich, den Siebenbürger Sachsen mit der Ausstellung ein Stück Heimat zu bewahren, in dem sie Kultur und Brauchtum vor dem allmählichen Vergessen schützen und der Öffentlichkeit näher bringen können, und lobte das Engagement der Kreisgruppe. Als neuen Ort von Heimat in der Stadt bezeichnete er das neue Museum und hob er hervor, dass hier einerseits Kultur gepflegt würde, und diese gleichzeitig der Bevölkerung vorgestellt werden könne“.

Auf der Plattform des Stundturmes im Museum Alt-Schäßburg ist ein Gedicht, eine Legende, von Dr. Josef Bacon – dem Heimatforscher und Museumsgründer, von1883 bis 1925 (Stadtphysicus von Schäßburg) zu lesen, bestimmt einigen schon bekannt:

 

Von meiner Seele innerem Leben, Fühlen 
Mag dieser Plan ein treues Sinnbild sein.
Wohl schweifen rings in Fernen die Gedanken,
im Mittelpunkt steht dieses Städtchen klein.

Nicht eine Welt für sich ist meine Heimat,
Doch steht im Mittelpunkt sie meiner Welt,
Weil nirgends sonst auf weitem Erdenrunde
Mir's so wie hier im engsten Kreis gefällt.

Hier seh ich um mich alle die Gestalten,
Die einst belebt der Kindheit Märchenland.
Hier fühl ich in der Mutter Schoß geborgen,
Gesichert wieder mich an Vaters Hand.

Begeisterung für der Jugend Ideale,
Die einst in Flammen himmelhoch geloht,
Sie wärmt und strahlt mir hier im Herz noch immer
Gleich Kohlenglut, gleich mildem Abendrot.

Woran ich schuf in arbeitsfrohen Jahren,
Ob ich's verwirklicht, ob's ein Traum nur blieb,

Hier seh' verkörpert ich vor meinen Augen,
Was mir erstrebenswert einst war und lieb.

Doch nicht Erinn'rung bloß, auch frohes Hoffen
Beseligt hier das zukunftssichre Herz;
Ich seh' um mich der Enkel muntres Treiben,
Und dankerfüllt blick' ich dann himmelwärts.

 

 

Es gibt viele Antworten auf die Heimatfrage.

Gerade für Menschen, die ihre Heimat freiwillig oder auch nicht freiwillig verlassen haben, können sie dazu beitragen, den Verlust der alten Heimat leichter zu verarbeiten.

In einer Diskussion mit den Heimatvertriebenen sagte einmal Willy Brandt: "Heimat kann man verlieren, eine Heimat kann man aber auch wieder neu gewinnen".

Kann Fremde zur Heimat werden? Ein Mensch kann zwei Heimaten haben: In die erste wird man hineingeboren, die zweite schafft man sich. Kann ein Mensch das wirklich? Muss er sich nicht irgendwann entscheiden, was er als Heimat betrachtet? Kann er gleichzeitig seinen Aufenthaltsort oder –land als Heimat betrachten und einem anderen Ort oder Land nachtrauern?

Ein Thema, das jeder nur für sich und nur aus dem Gefühl heraus beantworten kann.

 

4 Antworten auf die Frage, kann jemand zwei Heimaten haben?

1. Ich halte das nicht für ein Problem. Meine "abstrakte Heimat" wird, zumindest solange meine Eltern leben, immer das Gebiet sein, in dem diese wohnen und in dem ich aufgewachsen bin. Trotzdem habe ich eine tiefe Bindung zu dem Land entwickelt, in dem ich jetzt lebe. Praktisch sehe ich es als meine "jetzige Heimat“.

2. Heimaten gibt es nicht. Dass man sich in 2 Kulturkreisen gleich wohl fühlen kann, das ja.

3. Wenn zwei Gebiete als Heimat einen Menschen geprägt haben, so sind sicher beide   

    Gebiete als Heimat anzusehen.

4. Unbedingt möglich. Einmal dort wo meine Wurzeln sind, zum anderen eine zweite Heimat durch Beruf, Partnerwahl, politische Gründe oder Abneigung der ursprünglichen Heimat gegenüber, egal warum auch immer.

 

Im Gegensatz zum Heim im engeren Sinne, das durch Wände und Türen von der Umwelt stark abgegrenzt ist, hat "Heimat" nach dem Philosophen und Pädagogen Otto Friedrich Bollnow, keine klar erkennbaren Grenzen. Man empfinde überhaupt keine solche Begrenzung, solange man sich im vertrauten Umkreis der Heimat bewege: "Erst wenn man deren vertrauten Umkreis verlässt, wenn die Landschaft unbekannt wird und man erst nach dem Weg fragen muss, wenn die Menschen eine andere Sprache sprechen, mögen es auch nur kleine Abweichungen vom heimatlichen Dialekt oder Tonfall sein, vor allem aber, wenn die Menschen einen als einen Fremden betrachten, mit Neugier und Abwehr oder auch mit hilfsbereiter Zuwendung, dann merkt man erst, dass man in der Fremde ist. Man wird unsicher"

Eine Dame aus Thüringen: Meine Heimat - im Sinne von Vaterland - ist Deutschland; und wenn es auch zeitweise ein "schwieriges Vaterland" war, habe ich doch nicht gewünscht, ein anderes Vaterland zu haben. Meine Heimat im engeren Sinne ist Thüringen, und dort kristallisieren sich meine Gefühle auf zwei Punkte:

1. ein kleines Dorf im Thüringer Wald und


2.  Erfurt, die größte und wesentlichste Stadt Thüringens.
Doch auch ich musste Hals über Kopf aus der DDR fliehen, und erst als ich hier im Westen zur Besinnung kam, wurde mir bewusst, dass ich damit meine alte Heimat verloren hatte.

Eine Elsässerin, die in Süddeutschland lebt, erzählt wie das ist, wenn man zwei Nationalitäten hat. Nun, mit 80 Jahren ist mein Empfinden wie in dem Lied:  "Wir sind nur Gast auf Erden und wandern ohne Ruh, mit mancherlei Beschwerden, der ewigen Heimat zu." Die Tatsache, dass ich von Geburt Französin bin, liegt schon so lange zurück und es hat sich nach dem 2. Weltkrieg im Elsass so viel geändert, dass ich heute nicht mehr dort wohnen möchte. Ja, Meine Heimat ist da, wo ich mich wohl fühle.

 

Dazu schreibt eine französische Korrespondentin. "Welches Glück, wenn man Senior ist und in Wirklichkeit oder in Gedanken eine Gegend hat, wo man bekannt ist, wo man geduzt wird, wo man mit dem Vornamen angesprochen wird. In der Kindheit entsteht die Liebesgeschichte mit dem Land. Das Vaterland ist eine geliebte Landschaft, das Klima, die Geräusche, die Gerüche, die Ernährung. Es sind jedoch hauptsächlich die Menschen, ihre Art zu sprechen, ihr Akzent, ihre Gewohnheiten. Es ist da, wo man sich geliebt und akzeptiert weiß."

Dies alles ist für mich das Elsass, hauptsächlich mein Geburtsort. Da lebten meine Eltern, meine Großeltern und fast meine ganze Verwandtschaft, da liegen sie auf dem Friedhof. Hier kenne ich jede Straße, jedes Haus. Hier werde ich angesprochen, auf der Straße, in den Geschäften: "Ah! Du bist wieder da! Wie geht es dir?" Anders ist es in Ettlingen, hier wohne ich nun schon 35 Jahre, aber wenn ich einkaufen gehe, werde ich zurückhaltend von wenigen Leuten begrüßt, per "Sie" angesprochen. Nur wenige kennen meine Geschichte, meine Familie.

 

Die Heimat bleibt zurück, wenn Menschen in die Fremde gehen

Wo und Wann ist man irgendwo zu Hause? " Wie viel Heimat braucht der Mensch?"

Jeder braucht sie. Heimat gibt Orientierung und Kraft, dazu bedarf es freier Bürger und freier Gemeinden,  die das Gefühl vermitteln, zu Hause zu sein.

 

Was ist Heimat?

Täglich hören wir im Radio. SWR 4 Baden-Württemberg, da sind wir daheim…. Gilt das auch für uns? Meine persönliche Meinung ist, ja. Zumindest für die meisten.

Übrigens, lt. einer Umfrage verbinden nur elf Prozent der Deutschen mit dem Begriff Heimat ihr Land. Für 89 Prozent werden Heimatgefühle von ihrer näheren Umgebung ausgelöst, von der Familie oder dem Freundeskreis.

Ina Maria Greverus / deutsche Buchautorin und Volkskundlerin (Kulturanthropologin) vertritt die Ansicht, dass Heimat auch durch Partner, Gruppen oder Aktivitäten vermittelt werden kann. Es ist auch zu betonen, dass "Heimat" unter diesem Aspekt auch eine Großstadt sein kann.

Heimat ist etwas, in dem man lebt und das erst "erarbeitet" werden muss, um wirklich heimatlich zu werden.

Eine Dame aus Schweden; Ich lebe seit gut 5 Jahren im Ausland und da macht man sich natürlich Gedanken über diesen Begriff und spricht vielleicht auch mit anderen darüber. Die Hauptfrage ist da meistens, wie man für sich selbst den Begriff "Heimat" definiert. Sachargumente kann man da schlecht anwenden, meist läuft es darauf hinaus, jedem seine eigene, persönliche, auf Gefühlen basierende Meinung zuzugestehen.

Franz Nabl, Doktor der Rechtswissenschaften, Germanistik und Philosophie an der Universität Wien, zum  Bedeutungswandel des Begriffes "Heimat":

 „Lange Zeit war der Begriff "Heimat" von administrativer Bedeutung: er kennzeichnete den Herkunftsort einer Person oder die Gemeinde, in der er das Wohnrecht innehatte. Als Reaktion auf die industriellen Revolution und der Entstehung großer geballter Siedlungsgebiete wies ihm das von der Entwicklung überforderten und verunsicherten Bürgertum eine emotional aufgeladene Bedeutung zu: Heimat wurde zur Umschreibung des einfachen, überschaubaren und dezentral organisierten Lebens, das als Prototyp von der Vorstellung der bäuerlichen Existenz verkörpert wurde. …Die Konjunktur, welche die Heimat in den letzten Jahren erfährt, ruft das Bedürfnis nach einem Sicherheit bietenden Rückzugsraum hervor“.

Kurt Tucholsky deutscher Journalist und Schriftsteller, schreibt 1929 unter dem Titel: Heimat:
„…ja sagen zu dem Land, in dem wir geboren sind und dessen Sprache wir sprechen.
... warum lieben wir unsere Heimat, gerade sie. Warum nicht eins von den anderen Ländern? Es gibt so schöne. - Ja, aber unser Herz spricht dort nicht. Und wenn es doch spricht, dann spricht es in einer anderen Sprache. Wer gar nichts anderes spürt als dass er zu Hause ist; dass das da sein Land ist, sein Berg, sein See, auch wenn er nicht einen Fuß des Bodens besitzt.
... Es gibt ein Gefühl jenseits aller Politik, und aus dem Gefühl heraus lieben wir dieses Land. Wir lieben es weil die Luft so durch die Gassen fließt und nicht anders, der uns gewohnten Lichtwirkung wegen, aus tausend Gründen die man nicht aufzählen kann, die uns nicht einmal bewusst sind und die doch tief im Blut sitzen“.

Der deutsche Schriftsteller Horst Bienek sagt: „Heimat kann man nicht vererben. Sie ist in meinem Kopf. Und sie ist meine Seele“.

 

Hans-Georg Gadamer, deutscher Philosoph

Die Sprache lässt uns unsere Wurzeln spüren. "Heimat ist etwas Heiliges und deshalb in einer mobil gemachten Welt sehr Bedrohtes. Heimat muss wachsen, reifen wie die Sprache, in der wir zu Hause sind. Sprache ist Heimat. Ich bedauere es deshalb sehr, dass an den Schulen die Dialekte nicht mehr gepflegt werden. In ihnen ist Heimat am ursprünglichsten bewahrt. Stattdessen sind die Kinder in unzuträglicher Weise den Einflüssen der Werbe-, Computer- und Managementsprache ausgesetzt. Das führt zu einer kulturellen Entortung, die das Gegenteil von Heimat bedeutet. Heimat ist ein Gefühlswert, der an einen Ort gebunden ist. Heimat ist das Haus, in dem wir heimisch sind. Heimatlichkeit wird von Menschen vermittelt, durch die Mutter vor allem, die uns unsere Muttersprache gab. Wem im Ausland die vertraute Sprache ins Ohr dringt, der spürt, wo seine Wurzeln sind …“.

 

Was also bedeutet Heimat überhaupt?

.ich glaube, dass jeder Mensch – besonders, wenn er langsam aber sicher älter wird – eine Neigung, ja, Sehnsucht, danach verspürt, nach seinen eigenen Wurzeln zu graben und diese, wenn er sie gefunden hat, in einen spezifischen Lebens- und Erfahrungsrahmen zu stellen. Den sentimentalen Heimatbegriff, seien wir ehrlich, trägt doch fast jeder von uns irgendwo in seinem Herzen. Es ist also ganz offensichtlich: Das eigene Heimatgefühl hängt primär mit Kindheitsprägungen zusammen, von denen sich kein Mensch trennen kann.

Jeder Mensch nimmt zu allererst die Region als „Heimat“ an, wo er die wichtigsten Kindheits- und Prägejahre verbracht hat, ganz egal, ob er diese Gegend im späteren Leben auch noch als angenehm, attraktiv, ja, lebenswert empfindet, so Erhard Brüchert, norddeutscher Heimatforscher.

 

1.   Heimat ist  >>>  Ort: „Heimat“ kann immer nur ein erlebter geographischer Ort sein, der frei gewählt, aber auch nur akzeptiert und im günstigsten Falle auch geliebt werden kann. Dieser Ort muss nicht der Geburtsort sein.

2.   Heimat ist  >>>  Sprache: Der jeweilige „Heimat-Ort“ ist stets mit einer individuellen Sprachfärbung verbunden, die von der Standardsprache dominiert und doch regional und dialektal unterlegt sein kann. Das bezieht sich besonders auf die mündliche Umgangssprache.

3.   Heimat ist  >>>  Du, Ich, Wir: „Heimat“ ist immer verbunden mit Aufbau, Entwicklung und auch Veränderung in familiären und freundschaftlichen Lebens-Nahbereichen: mit Eltern-, Gatten- und Kinderliebe, mit Nachbarschaft, Freundschaft, aber auch mit Verlassens- und Todeserfahrungen – eingebettet in institutionelle Kommunikationsbereiche des Berufs- und Freizeitlebens: Berufe, Ämter, Vereine, Hobbys, Kommune, Staat, Politik.

4.   Heimat ist  >>>  Leben und Handeln: „Heimat“ ist in der modernen, offenen Zivilgesellschaft, auch im globalen Maßstab, das geografische, sprachliche und emotionale Lebenszentrum eines jeden Menschen, wobei dieses Zentrum im Verlauf eines Lebens weiterwandern kann. Das Lebenszentrum wählt sich der Mensch im Laufe seines Lebens jeweils freiwillig.

 

Es gibt also mehrere Dimensionen von Heimat: vom „Ort“ über die „Sprache“ zum Menschen im „Du, Ich, Wir“ und zum Lebensmittelpunkt im „Leben und Handeln“. Der Geburtsort ist dabei tatsächlich wohl eher nebensächlich für das Gefühl von „Heimat“ geworden, auch wenn es immer noch einige wenige glückliche Menschen geben mag, für die die genannten Dimensionen von Heimat für ein und denselben Ort von der Geburt bis zum Tod gelten können.

Aber nachdem das schlimme 20. Jh. Millionen von Menschen aus ihren Geburts- und Heimatorten vertrieben hat, wird wohl auch das 21. Jh. mit den sich andeutenden Millionen von Asylanten, Emigranten und Verfolgten in aller Welt, ein  dauerhaftes Heimatgefühl häufig nicht mehr mit dem Geburtsort verbinden können. Dennoch bleiben „Ort“ und „Sprache“ die wichtigsten äußerlichen Faktoren für die Entwicklung von „Heimat“.

Wir erinnern uns an die Jugendzeit, in denen wir unsere nähere und fernere Umwelt  erforschten! Mit einem Mal wurde aber die Welt so groß, dass die Kindheit uns fern rückt, und wir müssen uns gestehen, dass wir uns nicht mehr in der Heimat befinden, sondern in der Fremde. Hier setzt die Erfahrung des Heimwehs ein.

 

Das Heimweh ist eine Verlusterfahrung, dass Heimat etwas ist, was man nicht hat, sondern was man gehabt hat. Heimat ist etwas wesentlich Verlorenes, denn sie bezieht nicht das Zuhause sein, sondern Zuhausegewesensein ein, so  der Arzt Dr. Gunther Duda

 

Während Fernweh den Wunsch nach neuen Erfahrungen bezeichnet, führt Heimweh zur Sehnsucht nach der Sicherheit und Geborgenheit des Bekannten. Der Mensch sehnt sich in einer psychischen Krisensituation, wie sie bei der Trennung von Gewohnheit und Sicherheit auftreten kann, nach dem Bekannten und Vertrauten. Dieser Verlust wird als sehr schmerzhaft empfunden, der Betroffene sucht eine Besserung durch die Rückkehr in seine individuelle Heimat.

 

»Heimat ist nicht Enge, sondern Tiefe«

Dieses schöne Wort stammt von dem steirischen Volkskundler Hanns Kron (1906-1985). Was aber heißt »Tiefe«? - Etwa Mystik? Schwärmerei?

Nein, das alles nicht. …Es sind tiefe Quellen, die hier die Seele erfüllen und weit, weit zurückreichen. Nicht nur in die eigene Kindheit, sondern weit zurück ins Ahnenerbe. Geahnt wurden diese Quellen schon immer. Davon zeugt die Sprache, die solcher Liebe, solcher Sehnsucht, solchem Heimweh Ausdruck gab und im Gemüt, im Mütterlichen ortete. Über das Heimweh nach der verklärten Kindheit in all seinen Erlebnissen und Erfahrungen, der Eltern, des Heimes, der Natur und auch schon Kultur, öffnet sich den zutiefst Erlebenden die Erfüllung des Lebenssinnes, die »Selbstfindung« in den angeborenen Gemütswerten. Das reife Icherleben weiß dann, Teil seines Volkes mit seinen seelenweckenden Kräften zu sein. Daraus erwächst die Verantwortung, für die Heimat, für das Volk, für die Muttersprache, für die Sitten, für die Natur. Geahnt, erlebt wird das Verlorene der Kindheit. Solches Heimweh führt zu »sich selbst« und - zu den »letzten Fragen« des Lebens, so Hanns Kron.

Heimat heute - die Erkundung eines Lebensgefühls.

Wenn es in der letzten Strophe des "Siebenbürgen Lieds" heißt: "Siebenbürgen, süße Heimat, unser teures Vaterland ...", so wird der Eindruck erweckt, die beiden Begriffe Heimat und Vaterland seien gleichbedeutend und hätten also identische Inhalte. Der moderne Standpunkt ist jedoch ein anderer und die Betrachtungsweise differenzierter.

Der Begriff des Vaterlandes lässt sich mehr oder weniger genau definieren, doch die Heimat wird meist nur definierend beschrieben. Wenn solche Beschreibungen von verschiedenen Personen vorgenommen werden, können sie sehr unterschiedlich ausfallen. Das Heimatgefühl ist an frühe Erinnerungen geknüpft und basiert vor allem auf Vertrautheit. Heimat ist da, wo man sich heimisch fühlt, "Heimat ist da, wo man sich nicht zu erklären braucht".

 

Der deutsche Philosoph Ernst Bloch sagte einmal, Heimat sei immer etwas was man verloren hat, wohin alle stets zurückwollten, wo aber keiner je war? Man muss fort gewesen sein, um bewusst zur Heimat zu kommen.

 

Dazu Rudolf Burger, Wien: Heimat ist nicht, wie Ernst Bloch im "Prinzip Hoffnung" schreibt, um den Begriff utopisch zu mobilisieren, das "was jedem in die Kindheit scheint und wo niemand war", sondern genau umgekehrt: Heimat ist das trügerische Licht der je eigenen Kindheit, das jedem in sein Leben scheint, wo also jeder schon einmal gewesen ist und wohin er nie zurückkehren kann - es sei denn um den Preis der Regression. Ein Mann kann nicht wieder zum Kind werden, außer er wird kindisch.

Die vielen Antworten zeigen: Der Begriff Heimat beschäftigt die Menschen.


 In der Sendung - Planet Wissen wurde gefragt: Was ist für Sie Heimat? Ist es ein Land oder eine Stadt, ein Geruch, ein Mensch oder eine Kindheitserinnerung? Ist Ihnen Heimat wichtig oder nicht?

Hier einige ausgewählte Antworten:

 

  1. Heimat ist für mich, wo mein Herz ist. Als gebürtige Griechin und Wahl-Deutsche schlägt mein Herz für zwei Länder. Ich möchte das Positive dieser zwei Kulturen erleben und weitergeben.

  2. Mein Gefühl für Heimat ist der Rhein. Ich muss jede Woche mindestens einmal den Rhein sehen. Und dann habe ich noch einen Geschmack auf der Zunge von dem Lindenhonig, den unser Vater einmal von seinen Bienen geerntet hat. Es war Anfang der 40er Jahre, es war Krieg. Habe bis heute nie mehr einen solchen Lindenhonig schmecken können, obwohl ich von überall her ein Glas mit nach Hause nehme.

  3. Heimat ist nur dann kein leeres Wort, wenn wir über sie sprechend ein Lächeln auf unseren Gesichtern entdecken und vor allem, wenn wir uns nicht scheuen, uns mit Würde zu ihr zu bekennen.

  4. Heimat ist eine Erfahrung, die man niemandem wird vermitteln können: Man muss die Heimat erst einmal von außen betrachtet haben, um zu wissen, was sie bedeutet. Man muss es erlebt haben. Es sind weniger die Landschaften, es sind die Menschen!

  5. Man kann nur eine Heimat haben. Heimat ist und wird immer bleiben, wo man aufgewachsen ist und eine schöne und glückliche Kindheit und Jugend verbracht hat. Heimat heißt: Hier war oder bin ich daheim, hier fühlte oder fühle ich mich am wohlsten.

  6. Heimat ist ein ganz bestimmtes Gefühl. Es ist einzigartig und unvergänglich und hat vor allem mit Vertrautem, Bekanntem und über Jahre Gewachsenem zu tun. Ich bin sehr viel gereist und lebe seit über zehn Jahren im Ausland. Manchmal fliege ich jedoch "nach Hause", um meine Familie und Verwandten zu besuchen und schon im Flugzeug kann ich es spüren, dieses Kribbeln, diese Vorfreude und diese Sehnsucht. Wenn ich dann aus dem Fenster im Flugzeug schaue und die norddeutsche Tiefebene sichtbar wird, dann möchten mir fast die Tränen kommen.

  7. Heimat heißt für mich die Gegend, in der ich aufgewachsen bin, der Berg, an dem ich seit 50 Jahren wohne, wo im Herbst immer wieder die Bäume ihre Farbe wechseln, wo ich meine Schafe weide, meine Bienen versorge, mit der Familie lebe, wo ich meine Arbeitsstelle habe und abends in die Chorprobe gehe. Heimat heißt weiterhin mit meinen bekannten Personen zusammen sein, meine Sprache zu hören und die Kultur zu pflegen, zu Hause sein. Ganz wichtig auch meine Kirche.

"Deutschland ist meine zweite Heimat", sagt die Japanerin Aiko Takashima. Sie sagt es nicht, weil sie höflich sein möchte. Das Land, das einem Menschen Glück in der Liebe bringt, ist ihm wohl immer so etwas wie eine zweite Heimat.

Heimat, ist es ein Ort? Ein Gefühl?

Heimat ist mehr als sich irgendwo zu Hause zu fühlen. Mehr als Heim, mehr als Heimatstadt, mehr als Heimatland. Heimat ist eigen, konturlos, verschwimmend in Farben und Formen, ausufernd und ungreifbar wie ein Traum. Vielleicht ist Heimat eigentlich ein imaginärer Ort, ein Wunschtraum. Der Traum von einem Ort ohne Zeit, ohne Geschichte, ohne Gemeinheit, Bosheit und Niedertracht.

Solange Heimat da ist, spürt man sie kaum. Wie gute Luft, die man atmet und für selbstverständlich hält. Erst wenn beides fehlt, erkennt man ihren Wert. Dann schmerzen die Lunge von Kneipenqualm und die Seele von Heimatverlust. "Erst die Fremde lehrt uns, was wir an der Heimat besitzen", schrieb Theodor Fontane, (Apotheker und deutscher Schriftsteller).

So wie der deutsch-schweizerische Dichter Hermann Hesse (Schriftsteller und Maler) die Geschichte von Peter Camenzind erzählt, der nach langer Weltwanderung zurückkehrt in die Berge und das Dorf seiner Kindheit: "Hier fällt es niemand ein, einen Sonderling in ihm zu sehen.

Dieses Gefühl der Zugehörigkeit kann von verschiedenen Signalen ausgelöst werden; noch immer von dem eines Ortes und dem besonderen Zauber, den er mit seinem Duft, seiner Silhouette, seinem Licht auf den Menschen ausübt.

Heimat: Ort der Erinnerung, des Innehaltens, des Beharrens und des Widerstands gegen den rasenden Wandel.

Im Gegensatz zur erinnerten Heimat ist die wirkliche - die doch Hort des Vertrauten und der Geborgenheit sein soll - anfällig für Veränderungen. Menschen sterben, Häuser werden abgerissen, Flüsse begradigt, Fabriken geschlossen, Windkraftanlagen gebaut. Heimat will Stillstand, den es nicht gibt. Das Leben will den Wechsel. Deswegen ist jede Heimat, kaum dass sie errungen wurde, immer auch schon verlorene Heimat.

Eine Heimat zu haben, ist ein natürliches menschliches Bedürfnis. Der Dichter Rainer Maria Rilke hat seine Heimat Prag mit etwa 20 Jahren verlassen, um in Berlin, München und Paris,  am Ende seines Lebens in der Schweiz, zu leben und zu arbeiten. Noch bevor Rilke sich in Paris neu beheimatet hat, fand er seine neue Heimat in der Liebe zu der schönen russisch-deutschen Schriftstellerin, Lou Andreas Salomé (* 12. Februar 1861 in Petersburg, † 5. Februar 1937 in Göttingen) "Du bist meine Heimat", so etwa könnte man Rilkes Verbundenheit mit der berühmten Frau zusammenfassen. Am Ende seines Lebens schrieb er im selben Sinn an Merline, seine Genfer Geliebte: (" Tu es ma patrie sur terre") Du bist mein Vaterland/ meine Heimat auf Erden. Die Liebesbeziehung öffnet den Menschen für das Wesentliche. Das vertraute Gespräch rührt an die Tiefe des eigenen Seins und vermittelt diejenigen Erkenntnisse, die die Seele braucht, damit sie weiter wachsen kann. Eine solche Beheimatung fand Rilke bei seinen Geliebten.

Die Verbundenheit mit der Heimat gibt dem Menschen die Kraft, die er braucht, um "die Stürme des Lebens" zu überstehen. Gegenwärtig ist weltweit eher eine Ent-Heimatung festzustellen. Dagegen wehren wir uns, indem wir verstärkt das Brauchtum unserer Heimat hochhalten und pflegen.

"Heimat im Zeitenalter von Migration und Globalisierung ".   Wir können sicher sein, die Menschen werden sich durch die Globalisierung das Recht auf Heimat nicht nehmen lassen und zu bestimmen, was sie darunter verstehen. Eigentlich brauchen wir beides, die Globalisierung und die Verankerung in der "Heimat". Sie  wird ihre Bedeutung behalten, auch wenn die Formen sich ändern werden. Eigentlich haben die Einwanderer unsere Gesellschaft längst verändert, nur haben die meisten es noch nicht begriffen.

Je schärfer der Wind der Globalisierung weht, desto deutlicher äußert sich dieses Grundbedürfnis. Das ist der eigentliche Grund für die Heimat-Begeisterung. "Der Prozess, den wir mit Globalisierung bezeichnen, ist tatsächlich ein doppelter", schreibt der Sozialwissenschaftler Ralf Dahrendorf. "Während bestimmte wirtschaftliche Tätigkeiten immer weitere Räume zu ihrer Entfaltung brauchen und dabei jede Bodenhaftung verlieren, suchen Menschen immer kleinere Räume, in denen sie sich zu Hause fühlen und ein Gefühl der Zugehörigkeit entwickeln können." Das alte Wort Heimat spielt in der globalisierten Welt noch immer eine wichtige Rolle.

Heimat hat sehr viel mit Wohlfühlen und Sicherheit zu tun: Dazu sagt Sven Schütze, Projektleiter für Heimat der Wege Hamburg: Für mich wird Heimat erst wirklich, wenn sich das, was Heimat ausmacht, verändert. Heimat ist nicht stehen geblieben und nicht festgelegt, sondern immer in Bewegung. Umso schockierter war ich jedes Mal, wenn sich etwas verändert hatte. Neue Straßenschilder, neu gebaute Häuser, Läden, die den Besitzer gewechselt hatten. Plötzlich schien es, als würde meine Heimat zerstört werden. Meine Eltern wurden älter, sie veränderten sich und auch die ehemals gemeinsame Wohnung. Der Raum war nun ihr Raum, nicht mehr unser Raum. Ich war drauf und dran, meine Heimat zu verlieren, sie wurde zunichte gemacht, so dachte ich. Doch was tatsächlich zerstört wurde, oder zumindest seine Gültigkeit verlor, war mein altes Bild von meiner Heimat. Meine Heimat selbst war immer noch da, ich musste sie nur jedes Mal, bei jedem Besuch neu wahrnehmen und neu erleben. Heimat entsteht jeden Moment neu, wird jeden Moment neu erlebt und das, was die Heimat ausmacht, wird jeden Moment neu definiert. Heimatempfinden ist waches Erleben. Daraus resultiert etwas Zweites: Heimat ist individuelle Auffassung. Jeder Mensch nimmt etwas anderes als heimatlich wahr, für jeden Menschen ergibt sich Heimat aus anderen Elementen. Jeder Mensch schafft sich seine Heimat an und aus einem Ort heraus selbst.    

Bei einem Neujahrsempfang sagte Oberbürgermeister Gerhard Widder: „Man muss nicht in Mannheim geboren sein, um Mannheimer zu werden, Mannheimer wird man, indem man sich zu Mannheim bekennt“.

Der nächste Schritt für das Entstehen eines Heimatgefühles scheint die Verbundenheit des Einzelnen mit gewissen Gewohnheiten und Traditionen bezüglich der Gestaltung des Lebensalltags zu sein. Alltag und Feste, religiöse Praktiken und das ganze Brauchtum - soweit man an ihm teilhat. Heimatempfinden würde somit eine Zugehörigkeit zu einer Region bezeichnen, in der man bestimmte Dinge so und so macht - andere machen es eben anders.

 

Zum Schluss können wir festhalten

 

Was für den einen Heimat ist, muss für den anderen noch lange nicht Heimat sein. Ich bin überzeugt, dass viele Landsleute in Deutschland, Österreich oder Übersee eine neue Heimat gefunden haben.

 

Zusammenfassend lässt sich sagen, unter Heimat kann heute der unmittelbare Lebensraum oder auch ein geographisch viel größeres Gebiet verstanden werden: das Dorf, die Kleinstadt, der Landkreis, ein Stadtteil in der Großstadt, die Großstadt selbst, eine Landschaft oder eine ganze Region.

 

Der Ort der Geburt und der Kindheit, werden aber die Orte bleiben, denen sich Heimatgefühl, Heimaterinnerung und Heimatsehnsucht vor allem verbinden.

 

Die Antworten auf die Frage "Wo ist Heimat?" können  so verschieden sein wie die Menschen selbst. Und ich glaube, Sie werden mir zustimmen; Letztendlich muss jeder für sich selbst entscheiden, wo er zu Hause ist, wo er sich heimisch fühlt, und vor allem, wann er da angekommen ist und sagen kann, das ist meine neue Heimat.

 

von Hans Wester


 


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