die Siebenbürgische Zeitung schrieb 2011

 

Vortrag über Hermannstadt im Wandel der Zeiten

mit Manfred Huber

 

Der ehemalige Hermannstädter Geschichtelehrer Manfred Huber führte am 22. Oktober über 50 Landsleute auf einer Bilderreise in die alte Heimat. Er war der Einladung unseres Vorstands gefolgt, einen Vortrag in Heidelberg zu halten, den er im Hermann-Maas-Haus mit dem Auswandererlied „Nach Ostland wollen wir reiten“ aus dem Repertoire der Lidertrun einleitete. Von der Gründung der Siedlung Mitte des 12. Jh. bis 2011 setzte der Referent Schwerpunkte und vernetzte die Zeitreise mit der aktuellen Stadtentwicklung, wann immer es nötig erschien. So sprach er von Belagerungen und Türkenkriegen, Konflikten mit dem ungarischen Adel, von der Unterstadt bis zu den Ringen der mittelalterlichen „roten Stadt“, die später drittgrößte Garnisonsstadt Ungarns wurde und zeigte Aquarelle des Bäckermeisters Johann Böbel aus dem Fundus des Brukenthalmuseums, die das Aussehen der im 19. Jh. zum Teil abgetragenen Wehranlagen vermitteln. Aber auch Basteien und Tore wurden gezeigt, die Spitalskirche, die Dominikanerkirche – später Ursulinenkloster.

Der Referent sprach auch über die Gründung des ersten öffentlichen Museums im Südosten Europas, die einem der bedeutendsten Männer der Siebenbürger Sachsen zu verdanken ist: Samuel von Brukenthal, dem Gouverneur von Siebenbürgen unter Kaiserin Maria Theresa. Er war der einzige Sachse, der jemals als Landesherr eingesetzt wurde. Heute ist Samuel von Brukenthal über die Landesgrenzen hinweg als Stifter jenes Museums bekannt, das auch heute noch seinen Namen trägt und nach wie vor in dem 1791 erbauten Barockpalais am Großen Ring in Hermannstadt untergebracht ist, das für die Aufnahme der Sammlungen bereits bei seiner Erbauung bestimmt war. Dieser Vortrag bot nun die Gelegenheit, einige der 1969 aus der Gemäldegalerie des Brukenthalmuseums geraubten und von der Interpol wiederbeschafften Bilder zu sehen, antike Möbel aus den Beständen der Sammlung Brukenthals oder Mode und Menschen, die der Hermannstädter Maler Johann Martin Stock im 18.Jh. malte.

Sehr interessant waren die Erläuterungen über die Ausgrabungen von 2005 rund um die Evangelische Stadtpfarrkirche und dem Huetplatz, wo rund 1833 Skelette freigelegt wurden. Ein Großteil davon sind nun Studienobjekte am Anthropologischen Institut in Bukarest und an der Uni Tübingen. Noch erwartet man die endgültigen Forschungsergebnisse dieses einzigartigen Friedhofs, auf dem zwischen dem 12. und 16. Jh. bestattet wurde – bis zur Pest von 1554. Besonders interessant sind die Kopfnischengräber der wahrscheinlich wohlhabenderen Verstorbenen, die auch in anderen sächsischen Gräbern dieses Zeitabschnitts in Siebenbürgen ausgegraben worden sind, ein Ritus der die deutschen Kolonisten aus Moselfranken bis nach Bosnien begleitete. Die Grablege ist seit 2006 im Kirchhof angelegt und durch einen Rasen und Tuja-Bäumchen markiert – eine Gedenktafel soll noch angebracht werden.

Die Kirche mit den letzten sechs Bischöfen stand auch im Blickpunkt, mit den Wandlungen im 19. Jh., den beiden Diktaturen und der verbliebenen Diasporakirche – dazu wurden Bilder gezeigt, die betroffen machten. Auch vom Schulwesen am Beispiel der Brukenthalschule mit Coetus und Blasia war die Rede.

Mit seiner Kamera belegte Manfred Huber einen Besuch der „Casa Altemberger“, heute Geschichtsmuseum. Die 2009 unter der Regie des Direktors Dr. Sabin Luca neu eingerichtete Abteilung sei modern, medientechnisch auf neuestem Stand, allein die Frage bliebe offen, wer die Stadt gegründet, geplant und über Jahrhunderte hinweg bewahrt habe. Obwohl die Exponate (Glas, Zunftwesen, Wohnkultur, Waffenkammer) aus dem sächsischen Fundus stammten, könne man anhand der neuen Beschriftungen nicht auf deren sächsische Herkunft schließen. Besucher bekämen folglich keinen korrekten Einblick in die geschichtlichen Zusammenhänge der Stadt, die bei einer pluriethnischen Bevölkerung auch eine deutsche Vergangenheit habe.

Auch den Gruppen verschiedener Ethnien, wie auf dem Bild von Franz Neuhauser zu Beginn des 19.Jh., widmete sich der Vortrag und zeigte Fotos der rumänischen und sächsischen Trachtenlandschaft, so wie sie bei Kulturtagen im Hermannstadt der 70er zu sehen war. Auch die Wandlung der Zigeuner/Roma zu verstärktem Selbstbewusstsein wurde sichtbar gemacht mit Bildern aus über drei Jahrzehnten.

Das Ende des Vortrags war den malerischen Innenhöfen gewidmet sowie dem bis 2009 verwaisten Strandbad, heute erneuert, mit Disco- Anlage zwischen dem 3- und 5-MeterTurm. Der Rest des ehemaligen 10-Meter-Sprungturms, von dem die Brüder Klaus und Herbert Wittenberger sowie Norbert Hatzack die ersten Synchronsprünge zeigten, ist Vergangenheit. Die Aufbruchsstimmung unter Bürgermeister Johannis dokumentierte Manfred Huber mit einem Rundgang von der Heltauergasse bis zum Kleinen Ring, mit seinen fast 50 Restaurationen. Dem neuen Freizeitverhalten waren Aspekte aus dem Badeleben in Salzburg, dem malerischen Marktleben am Zibin und der Abendstimmung in der Innenstadt gewidmet.
 

von Ortwin Götz

 


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