die Siebenbürgische Zeitung schrieb

Kulturnachmittag am 25.03.2017 mit

Dekan i.R. Hermann Schuller und Prof. Heinz Acker

 

Zwei bundesweit bekannte und anerkannte Persönlichkeiten unserer Kreisgruppe haben am 25. März in Heidelberg einen informativ-geistreichen Kulturnachmittag gestaltet. Im 1. Teil sprach Herr Dekan i.R. Hermann Schuller (Mannheim) über die beiden Sammelbände „Aus dem Schweigen der Vergangenheit“, deren Herausgeber er ist. Er war der Ideenstifter für die Erstellung von Berichten, die in diesen zwei Bänden veröffentlicht wurden. Es war ihm und dem Vorstand der „Gemeinschaft der Evangelischen Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben im Diakonischen Werk der EKD e.V. (Hilfskomitee)“ ein besonderes Anliegen, über Erfahrungen aus der Evangelischen Kirche A.B. und ihrer Gemeindeglieder in der Zeit des Kommunismus nicht länger zu schweigen, sondern sie späteren Generationen zugänglich zu machen. Aus dem 2. Band las Schuller nun vor Landsleuten in Heidelberg sehr ergreifende Passagen vor.

Laut Schuller waren viele Gespräche und große Überzeugungskraft notwendig, um die Autoren dafür zu gewinnen, Erlebtes – oft Unangenehmes – zu beschreiben.

Die in diesem Band eingebrachten Berichte sind authentisch und von tiefgehenden persönlichen Erfahrungen geprägt. Es ist bemerkenswert, wie den Verfassern im Rückblick über Jahrzehnte das Erlebte von damals gegenwärtig geblieben ist, „so, als sei es gestern gewesen“. Umso bedeutsamer sei die Überwindung des Schweigens und der Mut, die Erfahrungen jener Zeit schriftlich festzuhalten.

Die Beiträge sind authentische Beschreibungen von Erlebtem, sie widerspiegeln ein politisches System mit inneren und äußeren Widersprüchlichkeiten. Die Berichte reflektieren Erfahrungen und Leidenswege aus verschiedenen Zeitabschnitten des kommunistischen Unrechtsystems in Rumänien, mit unterschiedlichen Wahrnehmungen.

Die Nachkriegsjahre des vorigen Jahrhunderts waren für uns Siebenbürger Sachsen, aber auch für viele Rumänen von politischer Unterdrückung und materieller Not geprägt. Die Verhaftungen vieler jungen Menschen, die widersinnigen Prozesse mit irrationalen Verurteilungen, die ab 1957 einsetzten, widerspiegeln die „Paranoia“ des politischen Systems. Die Berichte darüber, auch Jahrzehnte danach gelesen, sind erschütternd: Grausame Stationen wie Jilava, Dej, die Lager Periprava-Grind im Donaudelta und viele andere werden vergegenwärtigt. Die Berichte beschreiben, was Menschen einander antun können, zeigen Tiefen unfassbarer Erniedrigung und Leiden, so dass das Überleben wie ein Wunder erscheint.

Aus dem Schweigen der Vergangenheit II. Erfahrungen und Berichte aus der siebenbürgischen Evangelischen Kirche A.B. in der Zeit des Kommunismus. Schiller Verlag Hermannstadt - Bonn, 343 Seiten. Preis 16,80 Euro.

Nachdem wir von den bedrohlichen Schatten gehört haben, die sich über unsere Siebenbürgische Kirchengemeinde gesenkt hatten, lassen wir nun die tröstliche Sonne aufgehen. Im 2. Teil sprach Herr Prof. Heinz Acker (Heidelberg), Träger der Staufermedaille (2012) über seine Vertonung des Sonnengesangs des Heiligen Franz von Assisi.

Der „Sonnengesang“ (Il cantico del sol) gehört zu den berühmtesten Gebeten der Christenheit. Es ist eine Lobpreisung von Gottes Schöpfung, die der Heilige Franz von Assisi kurz vor seinem Tode (1225) verfasste und die nun seit nahezu 1000 Jahren die Christenheit – und nicht nur die – durch seine Botschaft bewegt.

Franziskus‘ Lebensweg liest sich wie die wundersame Wandlung des Saulus zum Paulus, denn ein Leben als Heiliger war ihm nicht vorbestimmt. Vor 835 Jahren als Sohn eines reichen Tuchhändlers aus Assisi geboren, genießt er eine gute Bildung, führt jedoch mit dem Geld seines Vaters ein ausschweifendes Leben, bis er eine Gottesbegegnung hat. Gott spricht zu ihm im Traum – so die Legende: Warum dienst du dem Knecht, statt dem Herrn? Es ist die Wende in Franziskus‘ Leben. Nun will er dem Herrn dienen. Er zieht sich aus seinem Freundeskreis zurück, tauscht seine Kleider mit einem Bettler, und wendet sich wohltätig den Armen und Ausgestoßenen zu. Fortan lebt er als Einsiedler und Bettelmönch außerhalb der Stadtmauern. Hier baut er eigenhändig die Kapelle Portiuncula auf. Es wird der Sitz einer großen Bewegung, denn sehr bald schließen sich ihm weitere Gesinnungsgenossen an. Innerhalb weniger Jahre entsteht der Orden der „Minderen Brüder“, die ausschließlich nach den Vorgaben des Evangeliums leben. Von Papst Innozenz III. erbitten sie die Bestätigung der neuen Bewegung und Lebensweise. Erstaunlicherweise gewährt der Papst seine Zusage. 1223 gab Franziskus, von Krankheiten und Fasten geschwächt, die Leitung des Ordens auf und lebt fortan in einer Felsnische auf dem Berg La Verna als Einsiedler. Hier hat er seine schönsten Gebete („laudi“ genannt) verfasst, darunter seinen berühmten „Sonnengesang“. Darin ruft er die Menschheit zum Lobpreis Gottes in all seinen Geschöpfen und Erscheinungsformen auf.

Franziskus galt bereits zu seinen Lebzeiten als Heiliger. Seine Heiligsprechung erfolgte bereits 2 Jahre nach seinem Tode durch Papst Gregor IX. Seither wird er nicht nur von der kath. Kirche als Heiliger verehrt, auch die evang. Kirche gedenkt seiner alljährlich an seinem Todestag (3. Okt. Lied 515 „Laudato si, o mi signore).
Dieser Text hat Herrn Acker gefangen genommen, einerseits war es die großartige Botschaft des Textes, andererseits hat ihn der Text als Musiker bewegt.

Als er die Besonderheit der altitalienischen Textvorlage erkannte, wurde ihm klar, dass sein Werk in der Gegenüberstellung beider Sprachen gestaltet werden musste: im steten Wechsel vom altitalienischen Originaltext zu einer deutschen Textfassung. Das bot auch die Möglichkeit zu musikalischen Kontrasten: während das Orchester im Hintergrund Musik aus der Zeit der Gregorianik zitiert, werden die altitalienischen Textteile vom Chor lediglich gebetsartig gesprochen. Darauf folgt jeweils der gleiche Textabschnitt, nun in deutscher Sprache, und natürlich nun in einer kontrastierenden, zeitgemäßen Tonsprache: das Orchester steuert als Ausdruckmittel Dissonanzen bei, wo der Text derartiges verlangt. Etwa, wenn von Sturm und Gewitter die Rede ist, oder von Naturgewalten, wie Wind und Wetter, wie auch den zerstörerischen Kräften Feuer und Wasser, oder wenn die Schrecken des Todes klanglich dargestellt werden. Es sind meist Begriffspaare, die genübergestellt werden, also: Sonne und Mond, Wind und Wetter, Feuer und Wasser, um sich schließlich – in den letzten Strophen – den inneren Werten der menschlichen Existenz zuzuwenden: Gottes Liebe – Frieden und das Memento des Todes. Die bildhafte Sprache des Heiligen Franziskus inspirierte Prof. Heinz Acker zu ebenso farbenprächtig-bildhaften Klanggemälden, wovon er Beispiele am Klavier darbot.

Das ganze Gebet verrät die große Fürsorge, die Franziskus für die umgebende Natur, für alle Gottesgeschöpfe hegte, zu einer Zeit, da all‘ diese Dinge doch eigentlich selbstverständlich waren: das Wärmende und Lebensspendende der Sonne, das Vorhandensein von Luft zum Atmen, von Feuer und Wasser als Grundelemente des Lebens, die Allgegenwärtigkeit von Tieren und Pflanzen.

Franziskus aber wendete sich damals schon all diesen Dingen in brüderlicher Verbundenheit und Fürsorge zu. Selbst der kleinste Regenwurm ist ihm „Bruder“ oder „Schwester“ als einmalige und einzigartige Schöpfung Gottes.
Die Behauptung, dass „Musik dort beginnt, wo Sprache aufhört“, zeigt auf, dass Musik mehr aussagen kann, als es der Sprache möglich ist, so etwa die feinsten Gefühlsregungen, die man kaum in Sprache fassen kann.

Auch versucht Acker mitunter mit seiner musikalischen Deutung über die Aussage des Wortes hinauszugehen. So spricht der Franziskustext lediglich von dem Segen, den die Elemente Feuer und Wasser für uns bedeuten. Aus dieser Vertonung aber kann man heraushören, dass beide Elemente, sowohl Schwester Wasser als auch Bruder Feuer zwei Seiten haben; eine segenbringende, menschendienliche, aber auch eine gefährlich, vernichtende. Das trifft dann auch auf Wind und Wetter zu.

Da Franziskus nicht der erste und einzige war, der zu derartigen Erkenntnissen kam, gibt es zwei Fremdeinschübe in den Text des Franziskus: der „Hymnus an Helios“, nach einem Text des antiken griech. Dichters Mesomedes (etwa 144 n.Chr.), sowie ein Antiphon von Hildegard von Bingen „Caritas abundat“ (Die Liebe überflutet das All). Nur diese beiden Einschübe stellen eine Solo-Arie dar: der Mesomedes-Hymnus für den Solo-Bariton, sowie die erwähnte Antiphon der Hildegard von Bingen, für Solo-Sopran. Es gibt noch einen dritten Fremdeinschub, das ist der bekannte mittelalterliche Hymnus „Dies irae“, wo von den Schrecken des Todes die Rede ist.

Schließlich gibt es noch einen weiteren, kleinen, aber äußerst wichtigen Fremdtext: Da das ganze Klanggemälde dieser Kompositionen einen Rahmen benötigt, in den es sich einfügt, hat Prof. Acker dem Gebet die aufrufenden Worte vorangestellt:

Audite, audite, le laudi di San Francesco
Höret, oh höret das Gebet des Heiligen Franz von Assisi


Dieser Aufruf wird am Schluss wiederholt – als musikalische Klammer – nun allerdings mit dem mahnenden Zusatz

„… und folget ihm!“

Wir hörten anschließend den Mitschnitt der Uraufführung dieses Werkes zu Pfingsten 2014 in Dinkelsbühl, während Heinz Acker stimmungsvolle Bilder zum Sonnengesang auf die Leinwand projizierte.
 

 


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